Wo Wachstum auf Nachhaltigkeit trifft: Der Wettbewerb um Talente in der Energiewende
Länder konkurrieren nicht nur um den FIFA-WM-Pokal, Märkte oder Rohstoffe – zunehmend auch um Menschen. Qualifizierte Arbeitskräfte werden zu einer entscheidenden Ressource für die Energiewende. Erste Forschungsergebnisse zeigen: Regionen, die den Umbau zu einer klimafreundlichen Wirtschaft vorantreiben, könnten im Wettbewerb um Fachkräfte Vorteile gewinnen.
Weltweit scheint die Klimapolitik in öffentlichen und politischen Debatten derzeit weniger Priorität zu haben. Besonders deutlich wurde diese Verschiebung beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sich die Diskussionen vor allem um geopolitische Spannungen drehten. Beobachter*innen sprachen deshalb bereits von einer Klimaresignation in Davos und davon, dass der Klimawandel an den Rand gedrängt worden sei.
Vielleicht ist das nicht überraschend. In einer Zeit, in der geopolitische Konflikte die Ölpreise steigen lassen, bleibt Klimapolitik häufig dann besonders präsent, wenn sie mit wirtschaftlichen Argumenten verbunden wird: etwa mit Energieunabhängigkeit, stabileren Lieferketten oder industrieller Wettbewerbsfähigkeit.
Was in dieser Diskussion jedoch oft fehlt, ist möglicherweise die wertvollste Ressource eines Landes: Menschen mit den richtigen Fähigkeiten. Während Staaten ihre Wirtschaft und Produktionssysteme klimafreundlicher gestalten, verschärft sich gleichzeitig der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte und damit verändern sich auch globale Migrationsmuster.
Könnten also jene Länder, die bei der Energiewende vorangehen, dadurch langfristig wirtschaftliche Vorteile gewinnen?
Auf einen Blick
- Die Energiewende verändert nicht nur Energiesysteme, sondern auch globale Arbeits- und Migrationsmuster.
- Qualifizierte Fachkräfte werden zu einer zentralen Ressource für den Umbau zu einer klimafreundlichen Wirtschaft.
- Erste Analysen zeigen einen Zusammenhang zwischen Energiewende und Migration: Regionen wie Asien und Amerika könnten im Wettbewerb um Fachkräfte Vorteile gewinnen.
- Für Europa stellt sich die Frage, wie Klima-, Wirtschafts- und Migrationspolitik zusammenspielen müssen, um im Wettbewerb um „grüne“ Kompetenzen mitzuhalten.
- Eine faire Energiewende braucht nicht nur technologische Innovation, sondern auch Strategien für Wissen, Arbeit und globale Gerechtigkeit.
Die zwei Dimensionen von Klimawandel und Migration
„Die Forschung zu Klimawandel und Migration hat sich bisher vor allem darauf konzentriert, dass Menschen aufgrund von Klimafolgen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen“, sagt Alexandra Brausmann, Umwelt- und Ressourcenökonomin und Mitglied des Environment and Climate Research Hub (ECH) der Universität Wien.
„Als ich jedoch begonnen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, wurde mir klar, dass es noch eine andere Verbindung zwischen Klima und Migration gibt: Länder, die ihre Wirtschaft dekarbonisieren wollen, brauchen qualifizierte Arbeitskräfte.“
Mit anderen Worten: Nicht nur die Folgen des Klimawandels beeinflussen, wo Menschen leben und arbeiten. Auch die Energiewende selbst könnte Migration verändern und damit möglicherweise einen Wettbewerbsvorteil schaffen.
Brausmann erforscht die wirtschaftlichen Zusammenhänge zwischen Migration und Umweltveränderungen: In einem laufenden Forschungsprojekt gemeinsam mit Lin Zhang von der City University of Hong Kong untersucht sie, wie der Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien Arbeitsmärkte verändert und welche Herausforderungen Länder dabei berücksichtigen müssen.
In Bewegung: Asien und Amerika
Für ihre Studie entwickelten Brausmann und Zhang eine Kennzahl, mit der sie erfassen können, wie aktiv eine Region die Energiewende vorantreibt. Anschließend analysierten sie mithilfe statistischer Modelle, ob es Zusammenhänge zwischen Energiewende und Migrationsbewegungen gibt.
Die zentrale Frage lautete: Hilft eine aktive Energiewende Ländern dabei, Menschen anzuziehen?
Die erste Antwort lautet: möglicherweise ja.
„Wenn wir alle Länder gemeinsam betrachten, sehen wir einen positiven Zusammenhang. Im Durchschnitt ziehen Länder, die die Energiewende vorantreiben, eher Menschen an“, erklärt Brausmann.
Warum das so ist, lässt sich allerdings noch nicht eindeutig sagen. Manche Menschen könnten durch gut bezahlte Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien, Elektromobilität oder anderen klimafreundlichen Branchen angezogen werden. Andere könnten aufgrund veränderter Lebenshaltungskosten umziehen oder aus ganz persönlichen Gründen, etwa wegen einer Beziehung.
Das Bild wird komplexer, wenn man die Ergebnisse nach Regionen betrachtet. Während Asien und Amerika – also Nord-, Mittel- und Südamerika – offenbar Fachkräfte gewinnen könnten, zeigen Europa, Afrika und Ozeanien mögliche Abwanderungstendenzen (siehe Abbildung).
Fällt Europa im Wettbewerb um Fachkräfte zurück?
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Energiewende in Asien und Amerika Menschen anzieht, während andere Regionen möglicherweise Fachkräfte verlieren“, sagt Brausmann. „Diese Menschen gehen wahrscheinlich nach Asien und Amerika. Allerdings können wir anhand der verfügbaren Gesamtdaten nicht feststellen, wer genau wohin zieht.“
Besonders interessant ist der Blick auf Europa: Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass mit einer stärkeren Energiewende die Migration zwischen europäischen Ländern sogar zurückgeht. Weltweit zeigte Europa eher einen Trend zu mehr Abwanderung als Zuwanderung dieser Zusammenhang war in der Analyse allerdings nicht statistisch eindeutig.
Fällt Europa also im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte zurück? Eine mögliche Erklärung wäre, dass eine stark regulierte und schnelle Energiewende kurzfristig zusätzliche Kosten für Menschen verursacht. Gleichzeitig könnte sie aber auch Faktoren verringern, die Menschen bisher dazu bewegt haben, innerhalb Europas umzuziehen. Brausmann betont jedoch, dass die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden müssen, da die Studie noch nicht veröffentlicht ist. Dennoch werfen sie wichtige Fragen auf: Was steckt hinter diesen Entwicklungen? Und welche Migrationspolitik sollte die Energiewende begleiten?
Der Wettbewerb um grüne Talente
Dieser Zusammenhang ist entscheidend, denn die Energiewende hängt stark von menschlichen Fähigkeiten ab: vom Aufbau erneuerbarer Energieinfrastruktur über die Entwicklung neuer Batterietechnologien bis hin zu effizienteren Gebäuden und nachhaltigen Verkehrssystemen. Länder, die ihre Wirtschaft klimafreundlich umgestalten wollen, konkurrieren deshalb um Ingenieur*innen, Techniker*innen und andere qualifizierte Arbeitskräfte.
„Grüne Branchen benötigen tendenziell mehr spezialisierte Fähigkeiten. Und Länder brauchen immer Fachkräfte“, sagt Brausmann. Sie fordert deshalb, Migration stärker als Teil von Klimapolitik zu betrachten. Staaten, die ihre Energiewende beschleunigen wollen, könnten gezielt Anreize schaffen, um qualifizierte Menschen anzuziehen: etwa durch Steuererleichterungen, bessere Arbeitsbedingungen oder soziale Angebote wie Kinderbetreuung, Wohnförderung oder Vorteile bei der Altersvorsorge.
Kurz gesagt: Klima- und Migrationspolitik könnten gemeinsam dazu beitragen, wirtschaftliche Entwicklung zu fördern.
Solche Strategien sind nicht völlig neu. Länder wie Kanada, Australien und Neuseeland nutzen bereits punktbasierte Einwanderungssysteme, bei denen Faktoren wie Ausbildung und Berufserfahrung berücksichtigt werden. Gleichzeitig sollten Staaten aber auch in ihre eigenen Arbeitskräfte investieren, damit die Energiewende nicht zu einem Verlust bereits vorhandener Kompetenzen führt.
„Für viele Länder ist es allerdings nicht automatisch ein politisches Ziel, Migration zu fördern“, ergänzt Brausmann. Viele Staaten versuchen gezielt, hochqualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen, während sie gleichzeitig die Zuwanderung anderer Gruppen durch komplexe Visa-Regeln und Anforderungen begrenzen. Eine solche Entwicklung lässt sich auch in der europäischen Migrationspolitik der vergangenen Jahre beobachten.
Der Wettbewerb um „grüne Kompetenzen“ wirft außerdem Fragen nach globaler Gerechtigkeit auf. Wenn wohlhabendere Länder einen großen Teil der Fachkräfte anziehen, die für die Dekarbonisierung benötigt werden, könnten ärmere Länder Schwierigkeiten bekommen, ihre eigene Energiewende umzusetzen. „Dann würden einige Länder die Fachkräfte anziehen, während andere ohne die Menschen zurückbleiben, die sie für ihre eigene Transformation brauchen“, sagt Brausmann.
Viele Länder mit niedrigerem Einkommen können Klimaschutzmaßnahmen derzeit nicht im gleichen Umfang vorantreiben, weil sie verständlicherweise andere Prioritäten setzen müssen, etwa bessere Gesundheitssysteme, mehr Bildung oder Armutsbekämpfung. Wenn diese Länder zusätzlich qualifizierte Arbeitskräfte verlieren, könnten ihre Bemühungen um eine klimafreundlichere Wirtschaft ins Stocken geraten.
Brain Drain oder Brain Gain?
Für Brausmann ist es deshalb entscheidend, den Zusammenhang zwischen Migration und Klimapolitik besser zu verstehen. Nur so können Maßnahmen entwickelt werden, die eine faire Energiewende ermöglichen.
Migration schwächt Herkunftsländer jedoch nicht automatisch. In der Wirtschaftswissenschaft wird seit langem über den sogenannten Brain Drain diskutiert – also darüber, dass hochqualifizierte Menschen ihre Heimatländer verlassen. Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit: einen Brain Gain. Damit ist gemeint, dass allein die Aussicht auf Migration Menschen dazu motivieren kann, stärker in Bildung und Qualifikationen zu investieren. „Manche Menschen erwerben zusätzliche Fähigkeiten, weil sie hoffen auszuwandern. Aber nicht alle verlassen am Ende tatsächlich das Land. Manche bekommen kein Visum, andere ändern ihre Pläne oder bleiben aus familiären Gründen“, sagt Brausmann. Dadurch kann die heimische Bevölkerung insgesamt trotzdem besser ausgebildet sein.
Auch das sogenannte Gastarbeiter-Modell spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Viele Länder haben Erfahrung damit, dass Menschen für begrenzte Zeit im Ausland arbeiten und anschließend mit neuen Fähigkeiten, Erfahrungen und Ersparnissen zurückkehren. Brausmann sieht darin mögliche Vorteile: „Diese Arbeitskräfte bringen neues Wissen, neue Fähigkeiten und häufig auch finanzielle Mittel zurück in ihre Herkunftsländer. Damit können sie Unternehmen gründen und zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen.“
Klimapolitik aus wirtschaftlicher Perspektive
Letztlich kann die Energiewende globale Ungleichheiten entweder verstärken oder aber neue Chancen schaffen.
Für Länder, die ihre Wirtschaft dekarbonisieren wollen, wird die Energiewende daher zunehmend auch zu einer Frage strategischer Wettbewerbsfähigkeit. „Statt sich nur auf Einschränkungen und Regulierung zu konzentrieren, sollten Länder Arbeitsplätze, Innovationen und Zukunftsbranchen gezielt fördern. Das ist das Klima-Narrativ, das wir erzählen müssen!“, sagt Brausmann.
Wie die Energiewende ausgeht, hängt deshalb nicht nur von Klimapolitik ab. Entscheidend sind auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Migrationspolitik. Sie bestimmen letztlich mit, wo jene Menschen leben und arbeiten wollen, die die grünen Industrien der Zukunft aufbauen können.
Über die Forscherin
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Alexandra Brausmann ist außerordentliche Professorin für Umwelt- und Ressourcenökonomie an der Universität Wien und Mitglied des Environment and Climate Research Hub (ECH) der Universität Wien. In ihrer Forschung untersucht sie die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels, Umweltmigration, den Umgang mit begrenzten Ressourcen sowie Fragen rund um Klimapolitik, Landwirtschaft, Wachstum und Nachhaltigkeit. Derzeit arbeitet sie gemeinsam mit Lin Zhang von der City University of Hong Kong an einem vom Österreichischen Austauschdienst (OeAD; AA374022) geförderten Projekt.
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