Wissenschaft, Politik und Gesellschaft im Dialog für eine nachhaltige Zukunft
Wie kommen wir in Klimafragen vom Wissen zum Handeln? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Forschungsverbund Umwelt und Klima (ECH) in Kooperation mit der Stadt Wien bei der öffentlichen Ringvorlesung "Umwelt Klima Nachhaltigkeit: vom Wissen zum Handeln". Was hinter diesem Thema steckt und wie Wissenschaft und Verwaltung gemeinsam an einer nachhaltigen Zukunft arbeiten können war auch Thema der feierlichen Auftaktveranstaltung zur Ringvorlesung im Festsaal des Wiener Rathauses am 13. Oktober.
Mit rund 350 Besucher*innen ist am 13. Oktober 2025 im Festsaal des Wiener Rathauses die öffentliche Ringvorlesung „Umwelt, Klima, Nachhaltigkeit: Vom Wissen zum Handeln“ eröffnet worden.
Die Reihe ist eine Kooperation des Forschungsverbunds Umwelt und Klima (ECH) der Universität Wien mit der Stadt Wien und widmet sich im Wintersemester 2025/26 der Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Handlungsansätze für eine nachhaltige und klimafitte Stadtentwicklung übersetzt werden können.
Die Ringvorlesung ist öffentlich zugänglich und soll den Dialog zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Stadtgesellschaft fördern.
Die Veranstaltung auf Youtube ansehen:

„Wien muss sich neu erfinden“
„Wien muss sich zur Gänze neu erfinden, um die Transformation zu schaffen. Wir müssen handeln, damit Wien ein guter Platz für alle bleibt“, betonte Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky in seiner Eröffnungsrede im Festsaal des Wiener Rathauses. Vor zahlreichen Gästen hob er hervor, dass Klimaschutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt nur gelingen könnten, wenn Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiteten. Der offene Austausch zwischen diesen Bereichen sei entscheidend, um Wien nachhaltig und sozial gerecht weiterzuentwickeln.
Universität Wien als Partnerin für Klimahandeln
In seiner Ansprache unterstrich Nikolaus Hautsch, Vizerektor der Universität Wien, die Verantwortung der Universität, sich aktiv an gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu beteiligen: „Für die Universität Wien ist es eine unbedingte Pflicht, voranzugehen und die Dringlichkeit der Bedrohungen durch Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung in Erinnerung zu halten.“ Klimaschutz könne nur funktionieren, wenn breite gesellschaftliche Unterstützung gegeben sei. Viele Absolvent*innen der Universität wirkten als „Multiplikator*innen“ in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – ein wichtiger Beitrag, um wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu tragen, so Hautsch weiter.
Der Vizerektor würdigte in diesem Zusammenhang den ECH als zentrale Schnittstelle: „Der Forschungsverbund liefert einen essenziellen Beitrag, die Ziele der Universität in Stadt und Gesellschaft zu integrieren.“
„Vom Wissen ins Handeln“ – Wissenschaft als Leuchtturm
Thilo Hofmann, Umweltwissenschaftler und Direktor des ECH, berichtete von über 500 Anmeldungen zur Ringvorlesung und freute sich über das Interesse an wissenschaftlich fundiertem Austausch über Umwelt- und Klimafragen.
„Wir wissen sehr viel über die Klimakrise”, so Hofmann weiter, “die Herausforderung ist jedoch, dieses Wissen in Handeln zu übersetzen.“ Er plädierte - ganz im Sinne des ECH - für trans- und interdisziplinäre Perspektiven, da komplexe Umweltfragen nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen zu bewältigen seien. Zugleich betonte er die Bedeutung einer kommunikativen Wissenschaftspraxis: Wissenschaft müsse ihre Erkenntnisse verständlich und anwendungsorientiert vermitteln. „Wissenschaft ist kein Elfenbeinturm – vielleicht eher ein Leuchtturm, der Orientierung geben kann.“ Der Dialog mit Politik und Verwaltung sei dabei zentral: „Uns geht es um den konstruktiven Austausch mit der Stadt Wien und ihren Bewohner*innen – nicht um Belehrung, sondern um gemeinsame Lösungen.“
Die Stadt als Labor – Zwischen Innovation und Scheitern
Mit ihrem Impulsvortrag „Die Stadt als Labor – Auf den Spuren (mehr oder weniger) erfolgreicher Klimapolitik“ eröffnete Ulrike Felt, ECH-Mitglied und Wissenschafts- und Technikforscherin an der Universität Wien, den inhaltlichen Teil der Ringvorlesung. Sie stellte die Stadt als verdichteten Raum in den Mittelpunkt – als Ort, „an dem Geschichte passiert ist und Zukunft geschrieben wird“. Städte, so Felt, seien seit jeher besonders, weil in ihnen Menschen, Technik und Gesellschaft in enger Wechselwirkung stehen. Gerade heute, in Zeiten zunehmender ökologischer und sozialer Spannungen, werde die Stadt daher zum Brennglas für die Herausforderungen einer nachhaltigen Zukunft.
Felt betonte die Notwendigkeit einer engen Kooperation zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und politischen Akteur*innen – auch dann, „wenn es im Gebälk knarzt“. Diese Reibung sei nämlich unverzichtbar, um Klimapolitik konstruktiv und realitätsnah zu gestalten. Die Stadt eigne sich daher als Labor im besten Sinn des Wortes: als Raum des Experimentierens, in dem sich unterschiedliche Interessen, Perspektiven und Innovationsversuche begegnen.
Anhand von drei Beispielen aus Wien zeigte Felt die Ambivalenz urbaner Klimapolitik. Die Seestadt Aspern etwa stehe als eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas für Innovation und Nachhaltigkeit – zugleich werfe sie Fragen nach technologischer Abhängigkeit und Ressourcenkonsum auf. „Smart“ bedeute nicht automatisch nachhaltig, so Felt, denn digitale Infrastrukturen erzeugten auch hohen Energieverbrauch und digitalen Müll.
Auch der Trend zum Urban Gardening lasse sich doppelt lesen: als soziale Innovation, die Bewusstsein für Umweltfragen schafft, aber auch als Instrument städtischer Umweltpolitik. Ökologisch seien die Effekte gering, gesellschaftlich hingegen beträchtlich, denn die Menschen würden für Umwelt- und Klimafragen sensibilisiert – auch das könne als Form von Erfolg verstanden werden.
Besonders kritisch setzte sich Felt mit dem städtischen Plastikrecycling auseinander. Sie machte darauf aufmerksam, dass Recyclingprozesse oft ineffizient und energieintensiv seien und dass ein erheblicher Teil des gesammelten Plastiks verbrannt, deponiert oder exportiert werde. Recycling diene nicht selten als „Entschuldigung“, um weiterhin hohe Mengen Plastik zu konsumieren. „Wir greifen beim Recycling am Ende des Kreislaufs ein und versuchen zu reparieren, was schon angerichtet ist – eigentlich müsste am Anfang angesetzt werden, etwa bei den Herstellern“, so Felt.
Am Ende stellte die Technik- und Wissenschaftsforscherin die entscheidende Frage: “Was bedeutet Erfolg in der Umwelt- und Klimapolitik überhaupt?” Nicht jede Maßnahme könne an kurzfristigen Ergebnissen gemessen werden, so Felt. Erkenntnis entstehe auch durch Irrtum, Anpassung und Revision. „Wir lernen nicht nur aus Erfolgen, sondern – wie der Wiener sagen würde – auch aus einem bissl Scheitern“, resümierte Felt. Scheitern sei kein Rückschritt, sondern eine Bedingung für Erkenntnis und Weiterentwicklung. Umwelt- und Klimapolitik müsse daher breit, transdisziplinär und mit der Bereitschaft zur Kurskorrektur gedacht werden.
Podiumsdiskussion: Zusammenarbeit als Schlüssel
Im anschließenden Gespräch, moderiert von Marlene Nowotny (Ö1), diskutierten Katharina Rogenhofer (KONTEXT Institut für Klimafragen), Andreas Januskovecz (Klimadirektor der Stadt Wien), Ulrike Felt (Uni Wien) und Thilo Hofmann (Uni Wien), welche Bedingungen erfolgreiche Klimapolitik braucht.
Rogenhofer verwies auf die Rolle zivilgesellschaftlicher Bewegungen wie Fridays for Future, die Klimathemen 2018 stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt hätten. Heute werde leider nicht mehr so viel darüber gesprochen, doch die Menschen seien generell sensibilisierter. Aktuelle politische Narrative unterzog Rogenhofer einer gründlichen Kritik: “Nicht Verzicht, sondern der Mehrwert, den ich durch klimafreundliches Handeln habe, muss im Vordergrund stehen.“ Nachhaltiges Handeln müsse einfacher und attraktiver werden - das lasse sich vor allem in einer Stadt wie Wien sozial und wirtschaftspolitisch anschaulich und erfahrbar umsetzen.
Andreas Januskovecz, Klimadirektor der Stadt Wien, erinnerte an historische Meilensteine der Wiener Umweltpolitik: den Bau der Hochquellenwasserleitung, die Aufforstung des Wienerwalds oder die Errichtung der Donauinsel als Hochwasserschutz. Projekte, die heute selbstverständlich erschienen, aber in ihrer Entstehungszeit teils heftig umstritten waren. Sein Fazit für die Gegenwart: „Transformation gelingt nur, wenn Stadt, Wissenschaft, Wirtschaft und Bürger*innen gemeinsam handeln.“
Die Wissenschaftler*innen Ulrike Felt und Thilo Hofmann betonten, dass nachhaltige Veränderung nur durch kontinuierliche Zusammenarbeit jenseits politischer Wahlzyklen möglich sei. Gleichzeitig, so ihre Einschätzung, stehe aber auch die Wissenschaft in der Verantwortung, den Dialog mit Politik und Gesellschaft aktiv zu suchen – und ihre Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie in Entscheidungsprozesse und gesellschaftliches Handeln einfließen könnten.
Ausblick: Lernen, miteinander zu reden
Genau diesem Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft widme sich die Ringvorlesung „Vom Wissen zum Handeln“, erklärte Timo Bühler, Koordinator beim ECH sowie Organisator der Ringvorlesung. Ziel sei es, den Austausch zu stärken und neue Wege für eine gemeinsame Transformation aufzuzeigen. Mit 33 Vortragenden von 14 Universitäten und Institutionen sowie über 500 Studierenden aus 70 Studienrichtungen zählt die Ringvorlesung schon jetzt zu einer der größten öffentlichen Lehrveranstaltungen der Universität Wien im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit.
Informationen und Teilnahme
Die Ringvorlesung „Umwelt, Klima, Nachhaltigkeit: Vom Wissen zum Handeln“ findet im Wintersemester 2025/26 statt und ist öffentlich zugänglich. Sie richtet sich an Studierende, Stadtbewohner*innen und alle, die sich für Klima- und Umweltfragen im urbanen Kontext interessieren.
Mehr Informationen und das vollständige Programm finden Sie hier






