Wenn Hänge ins Rutschen geraten: Wie Wissenschaft Leben schützen kann
Klimawandel und menschliche Eingriffe machen Erdrutsche weltweit häufiger und gefährlicher. Doch viele Todesfälle wären vermeidbar. Forschende aus Geologie, Psychologie und weiteren Disziplinen entwickeln gemeinsam neue Ansätze, um Risiken besser vorherzusagen, Warnungen wirksamer zu kommunizieren und Menschen besser zu schützen.
Wenn der Hang zum Verhängnis wird
Oft beginnt es mit einem dumpfen, tiefen Grollen vom Berghang her. Der Boden beginnt sich zu bewegen. Innerhalb weniger Augenblicke rutschen Felsen und Geröll mit hoher Geschwindigkeit den Hang hinunter und verwandeln sich in eine erdige Flutwelle von immenser Kraft. „Man hat nur Sekunden Zeit, um zu reagieren. Ich würde wahrscheinlich vor Schreck erstarren“, gibt ECH-Mitglied Ugur Öztürk zu, „aber ein Überlebender berichtete, wie er schnell alle Fenster und Türen öffnete. So konnte der Schlamm durch sein Haus fließen, anstatt ihn lebendig zu begraben.“
So ein Geistesblitz kann ein Leben retten. Was darüber hinaus viele Leben rettet, sind Wissen und Vorbereitung. Als Forscher an der Universität Wien untersucht Öztürk die Faktoren für das Risiko der Entstehung von Erdrutschen und ihrer Größe. Überraschenderweise sind es nicht vorrangig der Klimawandel oder natürliche Ursachen, die das Risiko tödlicher Erdrutsche erhöhen – sondern wir selbst.
Auf einen Blick
- Erdrutsche fordern jährlich 4.500 Menschenleben und verursachen Schäden in Höhe von 17 Milliarden Euro. 80 % der Todesfälle ereignen sich in den Tropen, wobei benachteiligte Bevölkerungsgruppen am stärksten gefährdet sind.
- Während extremes Wetter das Erdrutschrisiko erhöht, ist der Einfluss menschlicher Aktivitäten in urbanen Gebieten fünfmal größer als natürliche Faktoren.
- Bessere Modellierung, Stadtplanung und Vorbereitung können die Zahl der Todesopfer langfristig senken.
- Handlungsfähigkeit wird durch Schulungen und praktische Anleitungen gestärkt; transparente Kommunikation baut Vertrauen in die Fakten auf.
Ein wachsendes Risiko – weltweit und vor unserer Haustür
In diesem Frühjahr hat sich einer der größten Erdrutsche Europas – der Erdrutsch von Petacciato an der Adriaküste – erneut in Bewegung gesetzt. Italien war vorübergehend in zwei Teile geteilt. Auf einer Länge von zwei Kilometern begann sich der Boden zu senken und blockierte wichtige Verkehrswege. Italien ist nämlich, ähnlich wie Japan und Neuseeland, eine sehr aktive Region. Doch diese Länder sind vergleichsweise reich, gut vorbereitet und haben Erfahrung. Das rettet Leben. Leider ist das nicht überall auf der Welt der Fall:
Von den geschätzten 4.500 jährlichen Opfern von Erdrutschen ereignen sich 80 % in den Tropen, oft in benachteiligten Bereichen des globalen Südens. Der Klimawandel, in seiner Folge extremere Wetterereignisse und menschliche Eingriffe in die Landschaft verschärfen das Problem: In den letzten 50 Jahren haben sich Erdrutsche verzehnfacht, während sich die Zahl der Menschen, die in gefährdeten Gebieten leben, auf 65 Millionen verdoppelt hat – und bis zur Mitte des Jahrhunderts 90 Millionen erreichen wird. Abgesehen von den menschlichen Opfern verursachen Hangrutsche weltweit einen jährlichen Schaden von circa 17 Milliarden Euro. In Neuseeland sind Erdrutsche mittlerweile die teuerste Naturkatastrophe und ihre Schadenssummen steigen.
„Wir sind möglicherweise auch in Europa nicht gut vorbereitet“, sagt Öztürk. „Das Risiko steigt mit dem Klimawandel. Durch Abholzung, Versiegelung und den Rückgang der Artenvielfalt verlieren wir die Widerstandsfähigkeit eines Hangs. Das Risiko von Erdrutschen wird auch uns in Zukunft stärker betreffen.“ Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) melden 600 betriebsrelevante Erdrutsche seit 2005. Die unsichtbaren Kosten für Verspätungen und Reparaturen werden von den Steuerzahler*innen getragen – Geld, das für Präventivmaßnahmen ausgegeben werden könnte. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Wir sind der Natur nicht ausgeliefert – wir können handeln.
Aus „Wealth and land-cover change govern landslide fatalities on world’s mountains“, DOI: 10.1126/sciadv.aec2739
Vom Naturereignis zur menschengemachten Gefahr
Die Ursache eines Erdrutsches scheint zunächst einmal die Natur selbst zu sein. Kombiniert man dann steile Hänge und instabilen Boden mit einem auslösenden Ereignis wie starkem Regen, kommt es zu unkalkulierbaren Folgen. „Die meisten tödlichen Abgänge ereignen sich jedoch in Umgebungen, die wir Menschen verändert haben“, erklärt Öztürk. „In städtischen Gebieten ist der Einfluss menschlicher Aktivitäten fünfmal größer als jener natürlicher Faktoren. Ein gesunder Wald kann beispielsweise einen Hang mit einer Neigung von bis zu 26 Grad stabilisieren. Werden die stabilisierenden Wurzelsysteme entfernt und der Hang durch informelle Siedlungen mit Häusern und mangelhafter Entwässerung überbaut, sinkt dieser Wert auf nur noch 18 Grad.“ Wenn derselbe Hang aufgrund des Klimawandels dann extremem Niederschlag ausgesetzt ist, sinkt die Neigung auf 15°. Dieses Problem ist weltweit ungleich verteilt: In Ländern mit niedrigem Einkommen sind 50 % der Bergflächen durch menschliche Aktivitäten verändert, in Ländern mit hohem Einkommen sind es nur 7 %.
Öztürk betont, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel das Risiko verschärft, auch weil er genaue Vorhersagen erschwert. Es scheint bergab zu gehen – aber nur auf den ersten Blick.
Zwischen Satellitenbildern und Sirenen: Wie Risikoforschung Menschen erreicht
Dank Satellitenbildern und leistungsfähigeren Modellen können Forschende heute präzisere Risikokarten mit deutlich höherer Auflösung erstellen. Das hat Öztürks Analysen verbessert und hilft dabei, Frühwarnsysteme zu verfeinern sowie Risiken gezielter zu verringern. Eine solche Strategie betrifft auch die Raumplanung. Ein gut geplanter Stadtteil kann das Risiko verringern. Wenn sich jedoch informelle Siedlungen an den Rändern von Städten wie Juiz de Fora in Brasilien ausbreiten, begünstigen sie Katastrophen wie die im Februar, die 72 Todesopfer forderte und 10.000 Einwohner*innen obdachlos machte. Generell empfiehlt Öztürk Behörden daher, Stadtplaner*innen Zugang zu informellen Siedlungen zu ermöglichen. Bei der Raumplanung sollten diese dann nicht nur bestehende Gefahren berücksichtigen, sondern auch prüfen, wie neue Bauprojekte das Risiko von Hangrutschen erhöhen oder verringern könnten.
Im Februar 2026 kam es in Juiz de Fora (Brasilien) zu einem tödlichen Erdrutsch
Öztürk betont auch, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Rettungskräften und Behörden ist, um diese komplexen Probleme anzugehen. Erkenntnisse aus Juiz de Fora deuten darauf hin, dass einige Einwohner*innen die Warnungen nicht vollständig erhalten oder verstanden haben, wie sie darauf reagieren sollten. Öztürk zeigt in seiner Studie, wie sich Todesfälle künftig verringern lassen könnten. Sein Fazit: „Technologische Lösungen müssen in soziale Systeme eingebettet werden.“ So sollten digitale Warnungen beispielsweise durch vertraute und bewährte analoge Lösungen ergänzt werden, wie Sirenen oder Tür-zu-Tür-Warnungen für vulnerable Gruppen.
„Was Japan über Forschung und Stadtplanung hinaus zu einem sehr interessanten Beispiel macht, ist sein kollektives Bewusstsein“, sagt Öztürk. „Das Land hat Erfahrung mit so ziemlich jeder Form von Katastrophe. Es liegt am pazifischen Ring of Fire, daher gibt es dort Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Taifune und Erdrutsche. Durch Katastrophenübungen und Aufklärung verinnerlichen die Menschen dort aber früh, wie sie auf Georisiken reagieren müssen.“ Doch wie vermittelt man Bewohner*innen in Regionen ohne diese Erfahrung die Gefahr so, dass sie im Ernstfall richtig reagieren?
Kumamoto in Japan wurde 2016 durch Erdbeben beschädigt.
Vom Wissen zum Handeln
Es liegt nahe anzunehmen, dass mehr Information automatisch zu verändertem Verhalten führt. Die Forschung zeigt jedoch, dass Wissen allein nicht ausreicht: Menschen handeln nicht zwangsläufig, nur weil sie besser informiert sind. „Wichtig sind ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, die Normen des sozialen Umfelds und Vorbilder, ein Gefühl mitentscheiden zu können, sowie die allgemeine Risikowahrnehmung“, sagt die Psychologin Nina Vaupotič. Als Postdoktorandin an der Universität Wien hat sie sich auf Risikokommunikation spezialisiert. Sie möchte herausfinden, wie man vertrauensvoll zu Themen wie Umweltgifte und 5G-Technologie kommuniziert. Als Mitglied des Environment and Climate Research Hub (ECH) wird sich ihre Forschung bald auch auf Georisiken konzentrieren.
„Wir konnten zeigen, dass die Vermittlung von Komplexität – insbesondere in Verbindung mit konkreten Lösungsansätzen – Menschen nicht vom Handeln abhält, sondern sogar das Vertrauen in Wissenschaftler*innen stärkt“, sagt Vaupotič. Gerade bei Erdrutschen gehört Unsicherheit jedoch untrennbar zur Gefahr dazu. Entscheidend ist daher, diese offen zu kommunizieren und gleichzeitig klare Handlungsempfehlungen zu geben. So kann Vertrauen in wissenschaftliche Informationen entstehen und die Zuversicht wachsen, im Ernstfall wirksam reagieren zu können.
Vaupotič zeigte auch, dass es Vertrauen in manchen Fällen sogar steigern kann, wenn Wissenslücken kommuniziert werden. „Intellektuelle Bescheidenheit ist in der Wissenschaft verbreitet und die Grenzen der eigenen Forschung zu kennen ist grundlegender Bestandteil des Berufs“, sagt Vaupotič. Doch sie schränkt ein:: „Die Wirkung von kommunizierter Unsicherheit ist noch nicht eindeutig erforscht. Es hängt vom Kontext ab.“ In Fällen, in denen die Fachwelt noch keinen Konsens hat, kann Unsicherheit das Publikum verwirren. Bei Erdrutschen beispielsweise schlagen Ingenieur*innen möglicherweise technische Lösungen vor, die akute Probleme für einige Jahre beheben; Stadtplaner*innen empfehlen eher tiefgreifende sozioökonomische Maßnahmen, deren Wirkung sich erst langfristig entfaltet. An wen sollten sich Entscheidungsträger*innen also wenden? Die Kommunikation solcher Kontroversen verringere letztlich die Risikowahrnehmung und die Unterstützung von Maßnahmen – selbst bei Menschen, die Wissenschaft als Debatte verstehen. „Im Idealfall findet man ein Gleichgewicht: Unsicherheiten anerkennen, ohne sie überzubetonen – insbesondere wenn das Ziel ist, Menschen zum Handeln zu ermutigen“, so Vaupotič.
Fächerübergreifende Geoforensik
Das neu gestartete Projekt STRENGTH an der Universität Wien verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz in der Erdrutschforschung. Unter der Leitung des Geomorphologen Thomas Glade und der Psychologin Sabine Pahl, Co-Direktorin des ECH, verbindet die Arbeitsgruppe für Geoforensik verschiedene Perspektiven: Gemeinsam mit den Hub-Mitgliedern Öztürk und Vaupotič sowie Kolleg*innen aus Datenwissenschaft und Umweltökonomie untersucht sie Erdrutsche nicht nur als geologische Ereignisse, sondern als komplexes Zusammenspiel von Umwelt, Gesellschaft und menschlichem Handeln.
Nach einem Erdrutsch sammeln interdisziplinäre Teams vor Ort möglichst viele Informationen. Die Geomorphologie rekonstruiert, wie der Abgang entstanden ist und welche natürlichen oder menschlichen Faktoren ihn begünstigt haben. Die Psychologie untersucht hingegen, welche Warnungen und Informationen die betroffenen Menschen erhalten haben, wie sie das Risiko wahrgenommen haben und warum sie auf bestimmte Weise reagierten.
Dieser multidisziplinäre Ansatz betrachtet damit das gesamte Spektrum eines Erdrutschereignisses: von den geologischen Ursachen bis zur menschlichen Reaktion. Ziel des Projekts ist es, aus vergangenen Katastrophen zu lernen und dieses Wissen in bessere Vorsorge und mehr Widerstandsfähigkeit zu übersetzen. So sollen Gemeinschaften weltweit besser auf die wachsenden Risiken einer sich verändernden Umwelt vorbereitet werden.
Über die Forschenden
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Ugur Öztürk ist Assistenzprofessor und leitet die Arbeitsgruppe für Georisiken am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf den komplexen Faktoren - natürlichen wie menschlichen - die in urbanen Regionen zu Georisiken führen. Er ist Mitglied des interdisziplinären Forschungszentrums für Umwelt- und Klimaforschung (ECH).
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Nina Vaupotič ist Postdoktorandin im Bereich Umweltpsychologie an der Universität Wien in der Forschungsgruppe von Prof. Sabine Pahl. Sie erforscht Risikowahrnehmung, vor allem im Zusammenhang mit Schadstoffen wie Mikroplastik oder Technologien wie 5G.
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