Von der Straße auf den Tisch: Chemikalien aus Autoreifen gelangen in unsere Lebensmittel
Eine neue Studie und der Leitung von ECH Co-Direktor Thilo Hofmann, bestehenden aus Forschenden der Universität Wien und der Hebrew University of Jerusalem im renommierten Journal Environmental International zeigt Aufnahme von Reifenabrieb-Verbindungen durch Nutzpflanzen.
Jeder Reifenabrieb hinterlässt Spuren in der Umwelt: winzige Partikel, die beim Fahren entstehen, enthalten eine Vielzahl chemischer Zusatzstoffe. Diese Rückstände gelangen in Gewässer, lagern sich im Boden ab und reichern sich in Ökosystemen an. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Thilo Hofmann, Umweltwissenschaftler an der Universität Wien und Forschenden der Hebrew University of Jerusalem konnte nun erstmals zeigen, dass bestimmte Verbindungen aus Reifen unter realistischen Bedingungen auch in Nutzpflanzen nachweisbar sind.
Im Rahmen der Studie bauten die Wissenschaftler*innen Salat auf drei verschiedenen Böden an und bewässerten die Pflanzen mit Wasser, das gängige Reifenchemikalien enthielt. Das Ergebnis: Mehrere Substanzen, darunter 6PPD-Chinon, das in Nordamerika bereits mit dem Sterben von Lachsen in Verbindung gebracht wird, konnten in den Salatblättern nachgewiesen werden. Andere Stoffe, wie Hexamethoxymethylmelamin (HMMM) oder Diphenylguanidin (DPG), blieben stärker im Boden zurück und wurden in geringerem Maße von den Pflanzen aufgenommen.
Die Aufnahme hing wesentlich von der Bodenbeschaffenheit ab: Während sandige Böden mehr Schadstoffe in die Pflanzen gelangen ließen, wirkten Lehmböden als Barriere. Zudem waren die äußeren Blätter stärker belastet als die inneren.
Die gemessenen Konzentrationen lagen in einem niedrigen Bereich (Nanogramm pro Gramm Pflanzengewebe) und damit deutlich unterhalb der Werte, die akute Gesundheitsschäden verursachen könnten. Dennoch macht die Studie auf einen bislang kaum beachteten Pfad der Schadstoffexposition aufmerksam: neben Luft und Wasser auch über Lebensmittel. Die Konzentrationen liegen in der Höhe von Arzneimittelrückständen, die über die Verwendung von Klärschlamm oder gereinigtes Abwasser in Nahrungsmittel gelangen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir die Rolle von Böden als Schnittstelle zwischen Verkehr, Umwelt und Landwirtschaft genauer verstehen müssen“, betont Thilo Hofmann, Leiter der Studie und Direktor des Forschungsverbunds Umwelt und Klima der Universität Wien. „Auch wenn die nachgewiesenen Mengen gering sind, verdeutlicht die Studie, dass Schadstoffe aus dem Straßenverkehr letztlich in der Nahrungskette landen können.“
Gerade in Regionen, die auf die Bewässerung mit aufbereitetem Abwasser angewiesen sind, sei es daher wichtig, potenzielle Eintragspfade frühzeitig zu erkennen. „Es geht natürlich nicht darum, den Verzehr von Salat in Frage zu stellen, sondern um ein besseres Verständnis der komplexen Wechselwirkungen zwischen Infrastruktur, Umwelt und Ernährungssystemen“, so die Autor*innen der Studie.
-
Über den Forscher
Thilo Hofmann ist Professor für Umweltgeowissenschaften am Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaften und Co-Direktor des interdisziplinären Forschungsverbunds Umwelt und Klima der Universität Wien (Environment and Climate Research Hub).