Schmelzende Gewissheiten: Der Alpenraum im Umbruch
Die Alpen erwärmen sich rapide. Schnee schmilzt, Naturgefahren häufen sich. Wie können sich Pflanzen, Menschen und die Skiindustrie anpassen? Wie lange kann Kunstschnee noch helfen? Und was muss passieren, um die Lebensqualität in den Bergen zu erhalten? Die ECH-Mitglieder Valentina Ausserladscheider und Stefan Dullinger erforschen Lösungen. Eine Geschichte über Beschneiung, Klimabelastungen und kulturelle Trägheit.
Majestätische Gipfel, Skifahrer, die durch den frischen Pulverschnee wedeln, bunt gesprenkelte Almwiesen – so stellen sich viele die Alpen vor. Doch die Realität sieht zunehmend anders aus: überflutete Dörfer, Kunstschneepisten und Geröllfelder, wo einst Gletscher waren. Die Berglandschaft erwärmt sich, und mit ihr verändert sich das Leben in den Alpen. Dürreperioden werden länger, Niederschläge intensiver. Erdrutsche, Steinschläge und Murenabgänge bedrohen Hütten, Straßen und Skilifte.
Das erfordert von den Menschen in den Alpen umzudenken und von den Pflanzen, sich anzupassen. Aber ist das überhaupt möglich? Und wenn ja, wie? Diesen Fragen gehen die ECH-Forschenden Valentina Ausserladscheider und Stefan Dullinger nach. Die Wirtschaftssoziologin untersucht, wie diejenigen, die ihren Lebensunterhalt in den Bergen verdienen, auf die ökonomischen Risiken des Klimawandels reagieren, während der Ökologe untersucht, ob und wie sich Alpenpflanzen anpassen.
Auf einen Blick
- Der Skitourismus ist besonders anfällig für den Klimawandel. Der Ausbau der künstlichen Beschneiung ist nur eine mittelfristige Anpassungsstrategie, die jedoch mit zunehmenden Eingriffen in die Natur und einem höheren Wasserverbrauch einhergeht.
- Einige alpine Pflanzenarten sind gestresst. Zum einen, weil die schützende Schneedecke verloren geht, zum anderen, weil Arten aus tieferen Lagen diejenigen auf den Gipfeln verdrängen können.
- Lock-in-Effekte, kurzfristige wirtschaftliche Entscheidungslogik und kulturelle Erfahrungen erschweren es Wintertourismusdestinationen, sich an den Klimawandel anzupassen.
- Die Forschung zeigt, dass eine langfristige Anpassung nur durch vielfältigere Tourismusmodelle, den Schutz hochalpiner Räume und konsequenten Klimaschutz möglich ist.
Eine klimavulnerable Branche
„Der Wintertourismus und insbesondere die Skiindustrie sind sehr klimavulnerabel“, sagt Ausserladscheider. Aufgewachsen in einem Tiroler Tourismusort, kennt sie die Abhängigkeiten genau. Die lokale und regionale Wirtschaft ist auf Besucher angewiesen, die für Ausrüstung, Unterkunft, Verpflegung und Liftkarten bezahlen. All dies hängt von niedrigen Temperaturen und zuverlässigem Schnee ab.
Doch dieser schmilzt mittlerweile eher in der Saison, und die Schneegrenze verschiebt sich in die Höhe. „Die Menschen, die im Wintertourismus arbeiten, erleben das Problem hautnah und versuchen, damit umzugehen“, sagt Ausserladscheider, die für ihre Forschung mit Bürgermeistern, Hoteliers und Liftbetreibern spricht – einem traditionell männlich dominierten Bereich. Viele sind entschlossen, am Skitourismus festzuhalten. „Das ist nicht irrational“, betont die Forscherin. In den vergangenen Jahrzehnten brachte der Tourismus Wohlstand in Regionen, die einst von Armut geprägt waren und in denen Landwirtschaft oft die einzige Option war. Diese Geschichte hat sich in der lokalen Kultur fest verankert, die nun ihrerseits zögert, von ihrem Erfolgsrezept abzurücken.
Von Schneekanonen und Speicherbecken
Das Festhalten am Skitourismus blieb nicht ohne Folgen. Spuren davon haben sich in der Landschaft eingeschrieben. In Österreich sorgen mittlerweile über 30.000 Schneekanonen dafür, dass rund drei Viertel der Pisten künstlich beschneit werden können. Das ist eine Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel. „Wir sehen, dass dies in vielen Gebieten kurz- und mittelfristig gut funktionieren kann“, sagt Ausserladscheider. „Aber der Schnee bleibt nicht immer liegen.“ Wenn es zu warm wird, schmilzt er. Zeitgleich werden die Zeitfenster, in denen man die Schneekanonen einschalten kann, immer enger.
Selbst hoch gelegene Skigebiete bauen Staubecken ins Gebirge. Denn die Beschneiung braucht große Wassermengen - und zwar vor und während der Saison. Wenn es kalt genug ist, müssen Betreiber von Skigebieten rasch und in großen Mengen Schnee produzieren. Dafür sind gespeicherte Reserven unerlässlich. Prognosen zufolge könnte der Wasserbedarf für österreichische Skipisten bis 2050 um rund ein Drittel steigen, wodurch zunehmend Grundwasser gebraucht würde. Umweltverbände warnen seit langem vor ökologischen Folgen. In den Südalpen gibt es schon Wassernutzungskonflikte. Im Dürrefrühjahr 2023 verbot die Südtiroler Landesregierung vorübergehend die Beschneiung von Pisten.
Diese Entwicklungen werfen eine grundlegende Frage auf: Wie weit kann eine Branche gehen, die von der Natur abhängig ist? In den Alpen wird die wichtigste touristische Ressource – die Natur – aufs Spiel gesetzt. „Wintertourismus ist naturbasierter Tourismus“, betont Ausserladscheider. „Intakte, unerschlossene Landschaften sind unerlässlich, um für Gäste attraktiv zu sein.“
Auf den Gipfeln wird es eng
Neue Infrastruktur erhöht auch den Druck auf die alpinen Ökosysteme. Der Vegetationsökologe Stefan Dullinger fordert deswegen: „Der menschliche Einfluss im Gebirge sollte minimiert und weitere Bauvorhaben vermieden werden.“ Auch Pflanzen reagieren auf die steigenden Temperaturen. Viele alpine Arten sind auf eine natürliche Schneedecke angewiesen, unter der es stabile Temperaturen hat und die sie vor extremer Kälte schützt. Aber auch hier verändert sich bereits einiges. Dullinger beobachtet dies auf 3.500 Meter Höhe, am Schrankogel in den Stubaier Alpen. Dort beginnt die Schneedecke etwa drei Wochen früher zu schmelzen als noch vor 30 Jahren. Pflanzen wie die Purpur-Alpen-Glockenblume (Campanula alpina) sind nun im Frühjahr immer öfter hartem Frost ausgesetzt. Ihre Populationen schrumpfen.
Stefan Dullinger vergleicht die Alpen mit einem Haus. Einige Pflanzen können auf mehreren „Etagen“ leben, andere nur ganz oben. „Mit der Erwärmung wandern bestimmte konkurrenzfähige Arten oder Vegetationstypen nach oben“, sagt der Forscher. Und er weist darauf hin, dass die Temperatur pro 100 Höhenmeter um etwa 0,6 °C sinkt. „Pflanzen, die bereits im ‚Dachboden‘ leben, finden sich in einer Sackgasse wieder.“ Ihre Populationen schrumpfen, sie werden verletzlicher gegenüber weiteren Stressoren. So steigt das Risiko, dass sie aussterben. Wie mehrere andere nivalische Arten - also an extreme Kälte und Lebensräume nahe der Schneegrenze angepasste Pflanzen - hat auch der Alpen-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis), der oberhalb von 4.500 Metern überlebt, bereits einen erheblichen Rückgang seiner Population erlebt, erzählt Dullinger.
Planen auf Sicht
Während sich die Natur über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg verändert, werden wirtschaftliche Entscheidungen oft mit einem kurzfristigen Zeithorizont getroffen. Ob der Bau neuer Speicherbecken in ein paar Jahrzehnten noch Sinn ergibt, ist für jene Menschen, mit denen Ausserladscheider spricht, oft irrelevant. „Liftbetreiber und Hoteliers sind Unternehmer“, erklärt sie. „Das bestimmt ihren Planungshorizont. Betriebswirtschaftliche Entscheidungen treffen sie für Zeiträume von höchstens fünf Jahren.“
Ganze Regionen sind stark vom Wintertourismus abhängig. „Viele können sich nur schwer profitable Alternativen vorstellen, die die lokale Wirtschaft erhalten“, erklärt die Wirtschaftssoziologin. Theoretisch könnte man den Tourismus an die sich verändernden Niederschlagsmuster und steigenden Temperaturen anpassen, beispielsweise durch eine Verschiebung der Saison. „Das ist eine mögliche Anpassung“, sagt Ausserladscheider. Aber es würde bedeuten, langjährige Gewohnheiten zu ändern. "Für Bewohner*innen, die an eine klare Winterhochsaison gewöhnt sind, kann die Ausweitung des Tourismus auf andere Jahreszeiten Fragen aufwerfen, was es bedeutet, die vertraute ‚Nebensaison‘ zu verlieren.“
Passe sich an, wer kann
Die Klima-Anpassung des Wintertourismus ist ein komplexes Zusammenspiel von klimatischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren. Und: Es gibt keine Lösung, die für alle passt. Viele Destinationen passen sich teilweise an: Auf Gipfeln entstanden Freizeit-Arenen mit Ziplines und Mountaincarts, in Tälern Wellnesshotels. Einige stärken bewusst den Sommertourismus mit neuen Wanderwegen oder Mountainbike-Strecken. Andere Destinationen haben sich umstrukturiert. Das kleine Skigebiet St. Corona in Niederösterreich beispielsweise hat vor etwa 15 Jahren einen alten Sessellift abgebaut und durch eine Ski-Bike-Hybridanlage ersetzt, die nun ganzjährig Einnahmen generiert. „Das Beispiel zeigt, wie klimatische Gegebenheiten die ökonomischen Fragestellungen verändern können“, sagt Ausserladscheider.
Welche Anpassungen möglich sind, hängt auch von Institutionen wie Liftgesellschaften oder der Lokalpolitik ab. „Sie strukturieren wirtschaftliche und politische Systeme“, erklärt die Wirtschaftssoziologin. „Aber sie sind relativ starr und ändern sich nicht von heute auf morgen.“ Erfahrungen, bestehende Geschäftsbeziehungen und Einstellungen spielen dabei eine Rolle.
Was ist schon „nachhaltig“?
Valentina Ausserladscheider beobachtet, dass viele Betriebe „Nachhaltigkeit“ in erster Linie wirtschaftlich definieren: Sie wirtschaften im Grunde weiter wie bisher und nehmen dabei kleine Änderungen vor, etwa indem sie Emissionen ihres Betriebs reduzieren.
Während die Temperaturen unaufhaltsam steigen, bleibt die Abkehr vom Skitourismus langsam und zögerlich. Die ECH-Forschenden betonen die Notwendigkeit einer längerfristigen Perspektive. „Man kann den Klimawandel nicht für eine kurze Zeit durchstehen und dann ist es geschafft“, sagt Ausserladscheider. „Die Herausforderungen werden im Zeitverlauf größer.“
Wirksame Klimaschutzmaßnahmen sind der einzige Weg, um sie zu begrenzen. Die Emissionen müssen reduziert werden, wenn die Alpen auch für künftige Generationen ein verschneiter und lebendiger Lebens- und Wirtschaftsraum bleiben sollen. Glücklicherweise gibt es, wie Stefan Dullinger sagt, „noch immer ein enormes Potenzial, um das Schlimmste zu verhindern“.
Über die Forschenden
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Valentina Ausserladscheider ist Wirtschaftssoziologin an der Universität Wien. Ihre Forschung untersucht, wie der Klimawandel wirtschaftliche Entscheidungen und Anpassungsstrategien in Alpenregionen und Berggemeinden beeinflusst. Sie konzentriert sich insbesondere auf den Wintertourismus, regionale Wirtschaftssysteme und die sozialen und kulturellen Auswirkungen des Umweltwandels. In ihrem aktuellen Projekt SCAST untersucht sie, wie vom Tourismus abhängige Regionen auf Klimarisiken reagieren und wie lokale, politische und wirtschaftliche Akteure die langfristige Anpassungsplanung beeinflussen.
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Stefan Dullinger ist Biodiversitätsforscher an der Universität Wien und hat sich auf die Ökologie von Bergökosystemen spezialisiert. Er untersucht, wie sich der Klimawandel auf Alpenpflanzen auswirkt, wobei er sich auf Veränderungen der Schneebedeckung, der Artenverteilung und des Aussterberisikos konzentriert. Als Mitglied des internationalen Projekts GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) beobachtet er langfristige Veränderungen der Pflanzenvielfalt auf Berggipfeln weltweit. Seine Forschung kombiniert Feldstudien und ökologische Modellierung, um Informationen für Naturschutzstrategien und die Anpassung an den Klimawandel in alpinen Regionen zu liefern.
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