Ozeane am Limit: Wie wir sie schützen, wird über unsere Zukunft entscheiden
Die Meere stehen von allen Seiten her unter Druck. Im Gespräch mit ECHO diskutieren Politikwissenschaftlerin Alice Vadrot und der Meeresbiologe Frank Melzner, ECH-Mitglieder der Universität Wien, darüber, wie uns der Klimawandel den Urlaub madig macht, warum Meeresschutzgebiete nicht zwingend vor Tiefseebergbau schützen, und warum jede Anstrengung zählt, marine Ökosysteme resilienter und Institutionen für den Meeresschutz stärker zu machen.
ECHO: Herr Melzner, Sie sind Meeresbiologe und erst vor kurzem nach Wien gekommen. Warum? Und was hat ein Binnenland wie Österreich mit dem Meer zu tun?
Frank Melzner: [lacht] Die meisten wissen nicht, dass in Wien mehr als 25 Gruppen zu Meeresthemen oder mit Meeresorganismen arbeiten – es ist also ein phantastisches Forschungsumfeld. Und natürlich ist auch Österreich eng mit den Meeren verbandelt. Ich sage nur: Fisch! Urlaub am Meer! Oder die Adria-Tiefs, die das Wetter hier bestimmen.
Global, also auch für die Binnenländer, von großer Bedeutung ist, dass Meere riesige Klimapuffer sind. 90 Prozent der Extrawärme durch den menschgemachten Klimawandel steckt in den Ozeanen. Sie nehmen auch jedes Jahr etwa ein Viertel unserer CO₂-Emissionen auf. Ohne Meere wären die Landmassen viel heißer, der Treibhauseffekt noch stärker. Aber: Sie haben sich zuletzt so schnell und stark erwärmt, dass das immer mehr zum Problem wird, für sie und für uns.
Auf einen Blick
- Die Ozeane sind Klimapuffer: Sie speichern 90% der Extrawärme durch den Klimawandel und etwa ein Viertel der jährlichen CO₂-Emissionen. Davon profitieren auch Binnenländer wie Österreich.
- Die Folgen der Klimaerwärmung und die intensive Nutzung führen unter anderem zu einem starken Rückgang der Artenvielfalt. Damit nimmt auch die Widerstandsfähigkeit / Resilienz des Gesamtsystems ständig ab.
- Im Jänner 2026 trat das BBNJ-Abkommen (Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft, das erste internationale Instrument zum Schutz mariner Biodiversität auf hoher See. 89 Staaten, auch Österreich, haben es bisher ratifiziert.
- Viel wird noch im Detail verhandelt. Österreich könnte sich hier, wie schon in der Vergangenheit, aktiv für den Meeresschutz engagieren.
- Wissenschaftler*innen der Uni Wien nehmen als Beobachter*innen und starke Stimme bei den Verhandlungen teil.
- Forschungen in verschiedensten Meeresökosystemen zeigen: Auch der Mensch profitiert vom konsequenten Schutz großer Meeresgebiete und von Renaturierungsprojekten, etwa von Mangroven, Seegraswiesen und Kelpwäldern.
ECHO: Können Sie Beispiele nennen, die auch in den Alpen relevant sind?
Frank Melzner: Erinnern Sie sich an den Herbst 2024? Da war „Land unter" in halb Österreich, weil sich die Adria im Sommer so stark erhitzt hatte und weil wärmere Luft mehr Wasser transportieren kann. Es gab massive Niederschläge und Überflutungen. Solche Extremwetter erwarten wir in Zukunft häufiger. Neben menschlichem Leid bedeutet das auch enorme ökonomische Schäden.
Das immer wärmere Wasser verändert auch marine Ökosysteme. Da macht der Urlaub am Meer plötzlich keine Freude mehr, wenn sich Quallen sprunghaft vermehren oder toxische Algenblüten auftreten. In der Ostsee gibt es immer öfter Todesfälle durch Vibrionen, Bakterien im Wasser; die könnte es auch im Mittelmeer geben. Und beim Schnorcheln sieht das Flachwasser im Mittelmeer nach den häufigen Hitzewellen immer trostloser aus.
ECHO: Sie erforschen, wie Tier- und Pflanzengemeinschaften an den Küsten auf den Klimawandel reagieren. Auch in Wien?
Frank Melzner: Ja. Wir werden in großen Becken in Wien und an der Küste simulieren, wie verschiedene Temperaturen und CO₂-Gehalte die Funktion ganzer Lebensgemeinschaften im Küstenraum beeinflussen. Oft ist ja nicht nur die Wassertemperatur relevant. Vielleicht könnte das Seegras eine Hitzewelle noch überstehen, aber wenn gleichzeitig „Weidegänger", also kleine Krebse und Schnecken, sterben, können die Seegräser von Algen überwachsen werden und ebenso absterben. Wir möchten Schwellenwerte für Artengemeinschaften definieren, um Entscheidungsträger*innen bessere Argumente zu geben, wann die Ozeanerwärmung zu drastischen Änderungen von Küstenökosystemen führt. Die Interaktionen zwischen Arten in komplexen Lebensgemeinschaften sind hier extrem wichtig, um präzise Vorhersagen machen zu können, wie sich der Klimawandel auf diese wichtigen Ökosysteme auswirken könnte.
ECHO: Welche Meeresökosysteme sind besonders unter Druck?
Frank Melzner: Korallenriffe sind in aller Munde und stark bedroht, sowie Seegraswiesen und Kelpwälder an den Küsten Europas, die zu meinem Forschungsgebiet zählen. Deren immense Bedeutung wurde lange unterschätzt. Abgesehen vom Küstenschutz, der bei steigenden Meeren immer wichtiger wird, ist in diesen Ökosystemen mehr CO₂ gespeichert als in den Regenwäldern. Und: Sie sind die „Kinderstuben“ für zahllose Arten.
Überfischung ist auch ein riesiges Problem. Viele Meeresregionen haben wir massiv überfischt, da fehlt fast die gesamte Biomasse großer Organismen. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, wie viel Artenvielfalt da einmal war. Weil wir das Meer nur völlig verarmt kennen, glauben wir, das war immer so. Wir sprechen hier vom „Shifting Baseline“-Syndrom: einer graduellen, fast unmerklichen Verschiebung unserer Wahrnehmung von dem, was wir für den Normalzustand halten, nach unten. Und wir machen immer weiter mit dem, was die Fischereibiologie „fishing down the foodweb" nennt. Weil die großen Tiere oben in der Nahrungskette, also Wale, Haie und Thunfische, seltener werden, holen wir immer kleinere heraus. Das ändert die Nahrungsnetze sehr stark.
Frank Melzner während seiner Forschung in der Arktis
Algen-Mesokosmen: Kontrollierte Mini-Ökosysteme aus Wasser und Algen, die zur Untersuchung von Umweltfaktoren wie Temperatur und Nährstoffverfügbarkeit unter naturnahen Bedingungen dienen
ECHO: Haben Fangquoten da nicht Verbesserungen gebracht?
Frank Melzner: Die sind zu hoch angesetzt. Was sich in der EU aber nicht wirklich diskutieren lässt. Da treibt die Fischereilobby gegen alle wissenschaftlichen Empfehlungen die Politik vor sich her. Wir fischen im besten Fall nach dem Prinzip „maximale nachhaltige Ernte". Theoretisch soll der Bestand von Arten dadurch konstant bleiben. Aber es wird in diesem System nur eine Art betrachtet und berechnet, wie z.B. der Hering, und nicht sein Zusammenspiel mit anderen Arten. Wenn der Hering zu intensiv befischt wird, bleibt z.B. dem Schweinswal, einer bedrohten Delphinart in der Ostsee, zu wenig Hering übrig und damit schwindet auch dessen Bestand. Es bräuchte ein Ökosystem-basiertes Fischereimanagement, das Hering, Schweinswal und andere Arten zusammendenkt.
Außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer ist die Situation noch viel schlimmer. Dabei kann man große, wandernde Fische eigentlich nur über nationale Grenzen hinweg managen. Am besten als gemeinsames Erbe der Menschheit, für das wir zusammen Verantwortung tragen.
ECHO: Apropos gemeinsame Verantwortung, Frau Vadrot, wird hier das Hochseeabkommen, das im Jänner 2026 in Kraft getreten ist, helfen?
Alice Vadrot: Man muss sich vor Augen führen, dass im internationalen Seerecht lange vor allem die Nutzung der Meere im Mittelpunkt stand, nicht ihr Schutz. Genau diese Lücke soll jetzt das BBNJ-Abkommen schließen, das den Schutz der Biodiversität in internationalen Gewässern regelt. Inzwischen haben es schon mehr als 80 Staaten, darunter Österreich, ratifiziert. Viele Details der Umsetzung müssen zwar noch geklärt werden, doch zentrale Prinzipien wurden schließlich verankert – nach zähem Ringen, aber immerhin: Der Ökosystem-Ansatz, ökologische Konnektivität, also die Vernetzung von Lebensräumen und Arten, und das Vorsorgeprinzip, d.h. Prävention bei möglichen Risiken. Auch ein Fast-Track-Mechanismus ist angedacht, mit dem ökologisch wichtige Gebiete im Notfall durch eine Sofortmaßnahme sehr rasch unter Schutz gestellt werden könnten. Im Prinzip also eine gute Grundlage für den Meeresschutz.
ECHO: Ich höre ein Aber heraus…
Alice Vadrot: Wie bei allen Umweltabkommen wird auch hier die Frage sein: Wie kontrolliert man, ob sich Staaten oder Unternehmen an die Regeln halten? Welche Sanktionsmechanismen gibt es? Wie werden sie durchgesetzt? Und da sind wir insgesamt gerade an einem äußerst kritischen Punkt. Werden sich Staaten, denen Meeres- und Umweltschutz ein Anliegen sind, noch durchsetzen können? Oder erodiert der Multilateralismus, weil sich Länder, wie wir es gerade bei den USA sehen, aus internationalen Abkommen verabschieden?
Umgekehrt ist jetzt auch der Moment, in dem noch viel gestaltet werden kann. Österreich könnte sich da gut einbringen. In den 1970ern waren wir sehr engagiert, die Hohe See als gemeinsames Menschheitserbe zu bewahren, das könnten wir für das gemeinsame Erbe Biodiversität wieder tun.
Frank Melzner: Was auch ökonomisch ein Gewinn wäre, das zeigt die Forschung eindrücklich. Zum Beispiel gehen rund um große, streng geschützte Meeresgebiete die Fischereierträge nach oben, weil sich Bestände schnell erholen.
Alice Vadrot: Wobei noch nicht entschieden ist, ob ein Meeresschutzgebiet, das über das BBNJ-Abkommen verabschiedet wurde, auch den Meeresgrund umfasst, der in Verantwortung der Internationalen Meeresbodenbehörde liegt!
Wir haben ja das Problem, dass die Regulierung der Ozeane stark fragmentiert ist. Durch die vielen unterschiedlichen Rechtslagen kommt es zu Widersprüchen und Regelungslücken, die von manchen Staaten oder der Industrie ausgenutzt werden können. Aus politikwissenschaftlicher Sicht wird das stark kritisiert, denn es werden permanent die gleichen Interessenskonflikte zwischen Umweltschutz und Rohstoffnutzung verhandelt und kaum Lösungen erreicht, weil einzelne Staaten oder Firmen massiven Druck ausüben. Die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen sind dafür leider oft noch nicht ausreichend gerüstet.
ECHO: Und das könnte dazu führen, dass ein Meeresschutzgebiet ausgewiesen wird – und dann gar nicht vollständig geschützt ist?
Alice Vadrot: Neue Abkommen dürfen bestehendes Recht nicht unterminieren. Das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen aus den 1980ern definiert den internationalen Meeresboden als gemeinsames Erbe der Menschheit, aber damit sind nur mineralische, nicht-lebende Ressourcen wie z.B. Manganknollen gemeint. Die Internationale Meeresbodenbehörde verwaltet diese Ressourcen für die Allgemeinheit, indem sie Regeln für deren Erkundung und den Abbau aufstellt und im besten Fall kontrolliert. Die Idee hinter der Errichtung einer Behörde zur Verwaltung mineralischer Ressourcen im internationalen Meeresboden war, dass alle Staaten, auch Binnenländer, davon profitieren können. Damals ging man davon aus, dass der Meeresboden eine Wüste ohne Lebewesen ist. Die dortigen Ökosysteme wurden deshalb ursprünglich in der Frage gerechter Verteilung nicht mitgedacht.
Als nun das neue BBNJ-Abkommen diskutiert wurde, sind bei der Frage, ob auch Biodiversität am internationalen Meeresboden gemeinsames Menschheitserbe ist, Konflikte entbrannt. Manche Länder wollten das, andere Staaten haben stark dagegen lobbyiert. Zwar hat sich die erste Gruppe durchgesetzt, aber was das konkret für die Verteilung von Ressourcengewinnen oder den Meeresschutz bedeutet, muss erst diskutiert und dann natürlich auch institutionell umgesetzt werden.
Ich denke, viel wird davon abhängen, ob die EU sich als starker Player behaupten kann. Und ob sie sich dann auch konsequent für den Meeres- und Umweltschutz engagiert.
ECHO: Gibt es auch Entwicklungen, die Ihnen Mut machen?
Alice Vadrot: Mir gefallen Vorschläge, bei internationalen Verhandlungen Sitze für das Meer einzurichten. Das wird immer stärker diskutiert. Indigene Gemeinschaften oder Wissenschaftler*innen könnten dann im Namen des Meeres Forderungen stellen. Gerade beim Meeresschutz tritt die Wissenschaft auch als starke Stimme auf, die gehört wird. Wir akkreditieren aktuell die Universität Wien als Beobachterin bei der Internationalen Meeresbodenbehörde und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, damit wir Zugang zu allen relevanten Umweltverhandlungen haben. Zusammen mit Ländern, die sich für den Schutz stark machen, mit NGOs und Zivilgesellschaft, gibt es gerade bei BBNJ noch viel Gestaltungsmöglichkeit.
Frank Melzner: Wichtig ist auch zu sehen, was wir schon alles erreicht haben. Walfangverbot, Verbot von Umweltgiften… Und es braucht nicht immer multilaterale Abkommen. Selbst wenn man manchmal das Gefühl hat, es sind nur Tropfen auf dem heißen Stein: Die Zahl der Renaturierungsprojekte, etwa bei Mangroven, Seegraswiesen und Kelpwäldern, steigt seit 30 Jahren exponentiell. Lokal macht jedes dieser Projekte einen großen Unterschied. Was mir auch immer Mut macht: wie schnell wir durch Schutzmaßnahmen positive Effekte sehen – positiv für alle Seiten. Das heißt, jeder Beitrag, der Ökosysteme resilienter macht, zählt. Nicht nur, weil wir eine ethische Verpflichtung haben. Letztlich ist es auch ökonomisch die smarte Entscheidung.
Alice Vadrot und Frank Melzner diskutierten beim 15. Umwelt im Gespräch „Unsere Meere – Grenzen der Balance" mit Expert*innen und dem Publikum.
Über die Forschenden
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Alice Vadrot ist Professorin für Internationale Beziehungen und Umwelt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Mitglied im Management Board des Environment and Climate Research Hub. Sie forscht zu internationalen Umweltverhandlungen und Biodiversitätsschutz. Die mehrfach ausgezeichnete Politikwissenschaftlerin ist korrespondierendes Mitglied der ÖAW, Board Member der EU-Mission „Restore our Oceans and Waters“ und leitet das ERC-Consolidator-Projekt TwinPolitics, das einen digitalen Zwilling der Weltmeere zur besseren Governance erstellt.
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Frank Melzner ist seit 2026 Professor für Meeresbiologie am Department für Funktionelle und Evolutionäre Ökologie der Universität Wien. Davor leitete er eine Forschungseinheit zu experimenteller Ökologie und Meeresökologie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Melzner untersucht europäische Küstenökosysteme und ihre Fähigkeit, sich an große Veränderungen etwa durch Ozeanversauerung und (Klima-)Erwärmung anzupassen, und simuliert in großen Wassertanks („Mesokosmen“) die Reaktionen mariner Lebensgemeinschaften auf unterschiedliche Umwelteinflüsse.
Frank Melzner
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