15. Umwelt im Gespräch: Unsere Meere – Grenzen der Balance
Lange galten die Ozeane als nahezu unerschöpflich. Heute zeigen Klimawandel, Versauerung, Tiefseebergbau und der Verlust mariner Biodiversität, dass auch die Belastbarkeit der Meere Grenzen hat. Wie lassen sich Schutz, Nutzung und wirtschaftliche Interessen miteinander vereinbaren? Darüber diskutierten Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis bei der 15. Ausgabe von „Umwelt im Gespräch“ des Forschungsverbunds Umwelt und Klima (ECH) der Universität Wien im Naturhistorischen Museum Wien.
Wie viele Funktionen können wir den Ozeanen gleichzeitig zumuten? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die 15. Ausgabe von Umwelt im Gespräch, zu der der Forschungsverbund Umwelt und Klima der Universität Wien in das Naturhistorische Museum Wien eingeladen hatte. Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus Praxis und Politik diskutierten vor zahlreichem Publikum darüber, wie sich Meeresschutz, wirtschaftliche Interessen und geopolitische Realitäten miteinander vereinbaren lassen und warum diese Debatte auch ein Binnenland wie Österreich betrifft.
Drei Erkenntnisse des Abends
1. Die Ozeane sind von Österreich weit entfernt und betreffen uns dennoch unmittelbar
Auch in einem Binnenland wie Österreich hängt das Leben von den Ozeanen ab. Sie regulieren das Klima, speichern große Mengen an Wärme und Kohlendioxid und beeinflussen Wetter- und Niederschlagsmuster weltweit. Ihre Zukunft ist deshalb keine Frage für Küstenstaaten allein.
2. Meeresschutz ist längst auch Geopolitik
Die Ozeane sind nicht nur Lebensraum, sondern zunehmend Gegenstand wirtschaftlicher und strategischer Interessen. Ob Fischbestände, Schifffahrtsrouten, marine genetische Ressourcen oder Rohstoffe der Tiefsee: die Frage, wie globale Gemeingüter genutzt und geschützt werden, ist immer auch eine Frage von Macht, Verantwortung und internationaler Zusammenarbeit.
3. Nicht Schutz oder Nutzung sind die Herausforderung – sondern ihr Zusammenspiel.
Die Diskussion machte deutlich, dass einfache Gegensätze zu kurz greifen. Die Ozeane sollen gleichzeitig Biodiversität bewahren, Nahrung liefern, das Klima stabilisieren und wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, diese Ansprüche innerhalb der ökologischen Belastungsgrenzen der Meere auszubalancieren.
Die Ozeane – unverzichtbar und verletzlich zugleich
Wer an die Ozeane denkt, denkt an Weite. An etwas so Großes, dass es sich menschlichen Maßstäben entzieht. Und genau darin liegt das Problem.
„Vielleicht besteht eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Zeit darin, dass wir Größe mit Unendlichkeit und Unendlichkeit mit Unerschöpflichkeit verwechselt haben“, konstatierte Thilo Hofmann, Co-Leiter des Forschungsverbunds Umwelt und Klima der Universität Wien, zu Beginn des Abends. Lange hätten die Meere als nahezu grenzenlos belastbar gegolten. Heute zeigen Klimawandel, Versauerung, Überfischung, Rohstoffabbau und der Verlust mariner Biodiversität, dass auch die Belastbarkeit der Ozeane Grenzen hat.
Dabei sind die Ozeane weit mehr als ein entfernter Lebensraum. Sie regulieren das Klima, speichern Wärme und Kohlendioxid, versorgen Milliarden Menschen mit Nahrung und beherbergen einzigartige Ökosysteme. „Ohne die Ozeane wäre unser Planet ein deutlich heißerer Ort“, betonte Hofmann. Gleichzeitig würden die Ansprüche an die Meere stetig wachsen: Sie sollen das Klima stabilisieren, Biodiversität schützen, Fischbestände sichern, Handelswege ermöglichen und künftig auch Rohstoffe für die Energiewende liefern. „Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb vielleicht nicht im Schutz oder in der Nutzung der Ozeane allein. Sondern darin, dass wir beides gleichzeitig wollen.“
Warum Meeresschutz eine gesellschaftliche Frage ist
Dass die Ozeane nicht nur ökologisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich von zentraler Bedeutung sind, prägte die Diskussionen des Abends. In ihrer Begrüßung erinnerte Katrin Vohland, Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien, an die enorme Bedeutung mariner Ökosysteme für das Leben auf der Erde. Ausgehend von den beeindruckenden Schwarzen Rauchern, Hydrothermalquellen der Tiefsee, die mineralreiches Wasser aus dem Erdinnern freisetzen und Lebensräume für eine faszinierende Diversität von Organismen schaffen, spannte sie den Bogen vom Ursprung des Lebens auf dem Grund der Ozeane bis zu den Herausforderungen des Meeresschutzes in einer zunehmend konfliktreichen Welt. Wissenschaft, Politik und Gesellschaft müssten gerade bei globalen Gemeingütern wie den Ozeanen im Gespräch bleiben, um Orientierung und Handlungsfähigkeit zu stärken, so Vohlands Botschaft.
Auch Nikolaus Hautsch, Vizerektor der Universität Wien, hob die Bedeutung eines solchen Austauschs hervor. „Die großen Herausforderungen unserer Zeit überschreiten Fachgrenzen, deshalb muss auch die Wissenschaft Fachgrenzen überschreiten, um sie zu lösen“, betonte Hautsch. Gerade darin liege eine besondere Stärke der Universität Wien und des Forschungsverbunds Umwelt und Klima, der Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammenbringt, um komplexe Umwelt- und Klimafragen gemeinsam zu bearbeiten. Denn Meeresschutz sei nicht nur eine ökologische Frage, sondern ebenso eine wirtschaftliche, soziale und politische.
Zwischen Macht und Verantwortung: Wem gehören die Ozeane?
Genau diese Perspektive stand im Zentrum des Impulsvortrags von Alice Vadrot, Professorin für Internationale Beziehungen und Umwelt an der Universität Wien. Aus politikwissenschaftlicher Sicht sei die Frage „Wie schützen wir die Ozeane?“ weit komplexer, als sie zunächst erscheine. Im Kern gehe es um eine grundlegende Verteilungs- und Machtfrage: „Wem gehören die Ozeane und die in ihnen lebenden und nicht-lebenden Ressourcen eigentlich?“
Mit dem technologischen Fortschritt wachse nicht nur unser Wissen über bislang unerforschte Lebensräume der Tiefsee. Gleichzeitig steige auch das Interesse an deren wirtschaftlicher Nutzung: vom Tiefseebergbau bis zur Nutzung mariner genetischer Ressourcen, also der biologischen Schätze im Erbgut von Meeresorganismen beispielsweise für die Kosmetikindustrie. Die über Jahrhunderte prägende „Freiheit der Hohen See“ ermögliche daher nicht nur Forschung und internationalen Austausch, sondern auch „eine unverhältnismäßige Bereicherung an globalen Gemeingütern“, erklärte Vadrot.
Besondere Aufmerksamkeit widmete sie dem Anfang 2026 in Kraft getretenen UN-Hochseeschutzabkommen (BBNJ). Das Abkommen gilt als Meilenstein für den Schutz der marinen Biodiversität in internationalen Gewässern. Es könne helfen, „eingeschlagene Pfade zu ändern“ und „die Hohe See für zukünftige Generationen zu erhalten“. Gleichzeitig machte Vadrot auch deutlich, dass Meeresschutz nie losgelöst von Machtverhältnissen, wirtschaftlichen Interessen und internationalen Konflikten betrachtet werden könne.
Zwischen Schutz und Nutzung: Die schwierige Suche nach Balance
Wie schwierig diese Abwägungen in der Praxis sind, zeigte sich anschließend in der von Ö1-Wissenschaftsjournalistin Marlene Nowotny moderierten Podiumsdiskussion. Gemeinsam mit Alice Vadrot diskutierten der Meeresbiologe Frank Melzner, der WWF-Meeresexperte Axel Hein und die Marine Geobiologin Annemiek Vink von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) über die Zukunft der Ozeane.
Dabei wurde schnell deutlich, dass viele Herausforderungen miteinander verknüpft sind. Besonders einig waren sich Publikum und Expert*innen bei der Frage nach den größten Bedrohungen für die Ozeane. In einer Live-Umfrage wurden Erwärmung und Versauerung der Meere als drängendste Probleme genannt. Für den Meeresbiologen Frank Melzner nicht überraschend: „Die Erwärmung und Ozeanversauerung sind meiner Meinung nach tatsächlich die beiden größten Probleme, die wir im Meer haben.“ Die Folgen reichten von massiven Veränderungen mariner Ökosysteme bis hin zum Verlust einzigartiger Lebensräume in den Tropen sowie in der Arktis und Antarktis. Mit Blick auf Korallenriffe machte Melzner deutlich, dass technische Lösungen zur Aufforstung allein nicht ausreichen werden: „Da hilft nur wirklich CO₂ einsparen.“
Kontroverser wurde über den Tiefseebergbau diskutiert. Während viele Teilnehmer*innen in der Live-Umfrage dem Schutz der Tiefsee Vorrang einräumten, plädierte Annemiek Vink von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) für eine differenzierte Betrachtung. Der Abbau von Rohstoffen am Meeresboden könne unter Umständen den Druck auf empfindliche Ökosysteme an Land reduzieren, die bisher durch den Bergbau stark beeinträchtigt würden. Die Auswirkungen seien dabei sowohl ökologisch als auch sozial gravierend. So gehe etwa der Nickelabbau in Indonesien mit einer massiven Zerstörung von Regenwäldern und weitreichenden Folgen für lokale Gemeinschaften einher. Gleichzeitig stehe die internationale Gemeinschaft vor einer seltenen Chance: „Wir haben mit dieser neuen Industrie eine einzigartige Chance, alles richtig zu organisieren, gute Regelwerke zu entwickeln, bevor es losgeht.“
Alice Vadrot verwies hingegen auf bestehende Transparenzdefizite und die Notwendigkeit politischer Kontrolle. Internationale Regeln seien unverzichtbar, wenn wirtschaftliche Interessen nicht dauerhaft Vorrang vor dem Schutz globaler Gemeingüter erhalten sollen.
Auch die Fischerei verdeutlichte die Spannungsfelder zwischen Nutzung und Schutz. Axel Hein vom WWF Österreich machte klar, dass Millionen Menschen weltweit auf Fisch als Nahrungsquelle und Einkommensgrundlage angewiesen sind. Nachhaltiger Meeresschutz könne deshalb nur gelingen, wenn ökologische und soziale Aspekte gemeinsam gedacht werden. „Die Herausforderung besteht nicht darin, die Nutzung der Meere zu beenden, sondern sie innerhalb der ökologischen Grenzen der Ozeane zu gestalten“, betonte Hein.
Am Ende des Abends stand keine einfache Antwort auf die Frage nach den „Grenzen der Balance“. Dafür wurde umso deutlicher, worin die eigentliche Herausforderung besteht: Die Ozeane sind Klimaregulator, Lebensraum, Rohstoffquelle, Handelsweg und globales Gemeingut zugleich. Ihre Zukunft entscheidet sich nicht zwischen Schutz oder Nutzung, sondern daran, wie es gelingt, beides miteinander in Einklang zu bringen.
Oder, wie es Thilo Hofmann formulierte: Die entscheidende Frage sei heute nicht mehr, ob die Ozeane wichtig sind, sondern „wie viele Funktionen wir ihnen gleichzeitig zumuten können“.
Zum Weiterlesen
- Alice Vadrot und Frank Melzner über ihre Forschung zu den Ozeanen
- Mehr über Alice Vadrots Arbeit zu Ozeandaten und digitalen Ocean Twins (engl.)
- Unser Artikel über Kohlenstoff in der Tiefsee – eine Forschungsarbeit unseres Mitglieds Gerhard Herndl (engl.)
Zum ersten Mal hatten Besucher*innen der Veranstaltung die Möglichkeit, das neue ECH-Spiel auszuprobieren, das einen Einblick in interdisziplinäre Forschung bietet. Die Spielenden schlüpfen dabei in die Rolle von Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen und stellen Verbindungen zu anderen Forschungsgebieten her, um komplexe Themen in ihrer Ganzheit zu erfassen. Auch hier stand das Thema Meere im Mittelpunkt. Mehr über das ECH-Spiel erfahren Sie in unserem Artikel zum Klimamonat April.
Die ECH Spielstation