Brücken bauen: Der Klimatag kehrt an die Universität Wien zurück
Drei Tage lang wurde die Universität Wien im April zum Treffpunkt der österreichischen Klimaforschungscommunity. Der 26. Österreichische Klimatag, organisiert vom Climate Change Centre Austria (CCCA) in Kooperation mit dem Environment and Climate Research Hub (ECH), fand erstmals seit 2017 wieder in Wien statt.
Drei Tage lang wurde die Universität Wien im April zum Treffpunkt der österreichischen Klimaforschungscommunity. Der 26. Österreichische Klimatag, organisiert vom Climate Change Centre Austria (CCCA) in Kooperation mit dem Environment and Climate Research Hub (ECH), fand erstmals seit 2017 wieder in Wien statt, diesmal im modernen University of Vienna Biology Building (UBB) am Djerassiplatz.
Dass die Tagung an die Universität Wien zurückkehrte, ist kein Zufall. Im Hintergrund hatte insbesondere der ECH maßgeblich dazu beigetragen, den Klimatag wieder an die Universität Wien zu holen – und damit auch die Rolle der Universität als zentralen Ort für interdisziplinäre Klimaforschung und gesellschaftlichen Dialog zu stärken.
Vom Wissen zum Wandel: Mehr als eine Fachkonferenz
Unter dem Motto „Brücken bauen – vom Wissen zum Wandel“ zielte die Veranstaltung darauf ab, Disziplinen, Institutionen und gesellschaftliche Akteure miteinander zu verbinden. Der Klimatag verstand sich dabei nicht nur als klassische Fachkonferenz, sondern auch als Plattform, auf der wissenschaftliche Erkenntnisse in einen breiteren Kontext gestellt werden. Für ECH-Co-Direktor Thilo Hofmann ist genau das entscheidend: „Wissenschaftlich wissen wir längst, wohin die Reise gehen muss. Entscheidend ist jedoch, dieses Wissen in Politik und Gesellschaft zu bringen, um tragfähige und gerechte Lösungen zu entwickeln. Kommunikation und Austausch sind dabei zentral und genau diese Brücken müssen wir bauen.“
Auftakt mit Perspektivwechsel: Wissenschaft im Stadtraum
Schon der Auftakt machte deutlich, worum es geht. Am Pre-Day diskutierten Teilnehmende bei Workshops zu Naturgefahren im Klimawandel und zu den Möglichkeiten der europäischen Forschungsförderung. Der Climate Walk ebenfalls zum Thema „Brücken bauen – vom Wissen zum Wandel“, organisiert vom ECH gemeinsam mit dem Verein Climate Walk Austria, verlagerte die Debatte in den Stadtraum und machte sichtbar, wie eng wissenschaftliche Fragen mit konkreten Lebensrealitäten verbunden sind.
Zusammenarbeit als Schlüssel
Der Rektor der Universität Wien, Sebastian Schütze, und CCCA-Obmann Daniel Huppmann betonten in der Eröffnung beide die wachsende Bedeutung von Zusammenarbeit – nicht nur innerhalb der Wissenschaft, sondern über ihre Grenzen hinaus. Die Universität Wien habe sich Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit als einen wichtigen strategischen Schwerpunkt gesetzt, denn Universitäten, so Schütze, müssten diese Themen aktiv in Politik und Medien bringen, um sie wieder im gesellschaftlichen Diskurs zu verankern. Huppmann verwies auf die zentrale Rolle der Forschung als Grundlage für politische und wirtschaftliche Entscheidungen.
Von Erkenntnis zu Umsetzung: Die große Lücke
Diese Perspektive zog sich durch die gesamte Veranstaltung. In der anschließenden Diskussion mit Vertreter*innen von Forschungsförderinstitutionen wurde deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann Wirkung entfalten, wenn sie in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Die viel zitierte Lücke zwischen Wissen und Umsetzung blieb eines der zentralen Themen.
Politik trifft Wissenschaft: Komplexität und Zeitdruck
In ihrer Keynote zeichnete die Ökonomin und Leiterin des Ifo-Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, Karen Pittel, aus ihrer Erfahrung in der wissenschaftlichen Politikberatung ein differenziertes Bild dieses Spannungsfelds. Politik agiere unter Zeitdruck, Unsicherheit und wachsender Komplexität – Bedingungen, die selten mit den Abläufen wissenschaftlicher Forschung übereinstimmen. Um dennoch gehört zu werden, brauche es vor allem inter- und transdisziplinäre Formate, die unterschiedliche gesellschaftliche Akteure einbezögen, so Pittel. Nur so könnten wissenschaftliche Erkenntnisse rechtzeitig in politische Entscheidungen einfließen.
Was Klimapolitik bremst – und was helfen könnte
Welche Faktoren gelungene Klimapolitik erschweren – und an welchen Stellschrauben angesetzt werden könnte – stand im Zentrum der anschließenden Podiumsdiskussion.
ECH-Mitglied und Politologin Alina Brad machte dabei auf strukturelle Hindernisse aufmerksam: Es gehe „nicht nur um politische Schwäche“, vielmehr verhinderten bestehende Macht- und Eigentumsstrukturen oft ambitionierte Klimapolitik. Auch die soziale Dimension stand im Fokus. Hanna Lichtenberger von der Volkshilfe Österreich betonte, armutsbetroffene Menschen seien „nicht klimaskeptisch“. Sie hätten nur deutlich weniger Möglichkeiten, klimafreundlich zu handeln, trügen gleichzeitig aber auch viel weniger zum Klimawandel bei.
Zwischen Struktur, Gerechtigkeit und Wirtschaft
Christiane Brunner, Initiatorin des Climate Business Circle, lenkte den Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge und stellte klar: „Nichts ist so unwirtschaftlich und unsozial, wie keinen Klimaschutz zu betreiben.“ Karen Pittel ergänzte, dass Unternehmen nicht aus moralischen Gründen klimafreundlich handelten, sondern vor allem dann, wenn die Rahmenbedingungen entsprechendes Verhalten wirtschaftlich sinnvoll machten – was in der aktuellen Weltlage eine besondere Herausforderung darstelle.
Über alle Beiträge hinweg wurde deutlich: Der Weg vom Wissen zum Handeln ist komplex und erfordert mehr als wissenschaftliche Evidenz allein. Er braucht Austausch, Verständigung und tragfähige Strukturen.
Vielfalt der Forschung
Auch abseits der großen Bühnen zeigte sich die Vielfalt des Klimatags. In wissenschaftlichen Sessions wurden Fragen der Anpassung, Transformation und der Auswirkungen des Klimawandels diskutiert. Posterpräsentationen, an denen sich auch mehrere ECH-Mitglieder beteiligten, boten insbesondere jungen Forschenden Raum, ihre Arbeiten vorzustellen und mit etablierten Expert*innen ins Gespräch zu kommen. ACRP-Sessions verknüpften aktuelle Forschungsprojekte mit Fördergebern und Praxis.
Vernetzung lebt vom persönlichen Austausch
Mindestens ebenso wichtig waren die informellen Begegnungen. Der Ice-Breaker am Vorabend, organisiert vom ECH, schuf einen offenen Rahmen für erste Gespräche. Am Donnerstagabend setzte eine gemeinsame Veranstaltung mit der Stadt Wien mit Klimadirektor Andreas Januskovecz und ECH-Co-Direktor Thilo Hofmann diesen Austausch fort.
Drei Tage, eine Erkenntnis: Ohne Vernetzung kein Wandel
Am Ende der drei Tage war klar, wie stark Klimaforschung heute auf Vernetzung angewiesen ist – und wie sehr ihre gesellschaftliche Wirkung davon abhängt, dass sie über Fachgrenzen hinaus gedacht wird.
Der Klimatag hat außerdem gezeigt, wie das gelingen kann: nicht als abstrakte Forderung, sondern als gelebte Praxis und durch den Austausch über Ergebnisse, Unsicherheiten, Erwartungen und Handlungsspielräume.
Oder, in Anlehnung an das Motto der Veranstaltung: Wer den Wandel gestalten will, muss Brücken bauen.