14. Umwelt im Gespräch: Nachhaltiges Leben - zwischen Ideal und Realität
Nachhaltigkeit ist längst ein Leitbild, doch unsere Strukturen stehen dem Wandel oft im Weg: Politische Zielsetzungen, wirtschaftliche Interessen und individuelle Handlungsmöglichkeiten geraten ins Spannungsfeld, ökologisches Handeln wird zur Herausforderung. Beim 14. Umwelt im Gespräch diskutierten Expert*innen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, wie nachhaltiges Leben jenseits von Verzicht aussehen kann – und welche systemischen Veränderungen notwendig sind, damit der Wandel gelingt.
Warum es so schwer ist, ökologisch richtig zu leben – und was das über unsere Gesellschaft verrät
Die ökologischen Krisen sind da, die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen auf dem Tisch, die Lösungen sind bekannt. Und doch geschieht zu wenig – im Alltag, in der Politik, im globalen Maßstab. Zwischen Wissen und Handeln öffnet sich ein Abgrund. Dieses Paradoxon der Nachhaltigkeit stand im Zentrum der 14. Ausgabe der Reihe Umwelt im Gespräch, veranstaltet vom Forschungsverbund Umwelt und Klima der Universität Wien im Naturhistorischen Museum Wien. Rund 260 Besucher*innen kamen in die Obere Kuppelhalle des Museums, ein Zeichen dafür, wie groß das Bedürfnis nach Orientierung in Zeiten ökologischer und gesellschaftlicher Transformation ist.
Die Highlights im Video
„Umweltschutz ist Menschenschutz“
„Der Mensch verändert unumkehrbar das Klima und die Umwelt“, erinnerte Andreas Kroh, stellvertretender wissenschaftlicher Geschäftsführer des NHM Wien, in seiner Eröffnung an die Dringlichkeit des Themas. Wer heute mit offenen Augen durch die Welt gehe, könne die Folgen kaum übersehen. Kroh plädierte für einen Perspektivwechsel: „Umweltschutz ist Menschenschutz, erklärte er, „und wir Menschen müssen aufpassen, dass wir als Treiber der Veränderungen unseren Nachfahren noch einen lebenswerten Planeten hinterlassen.“ Das NHM, so Kroh, trage mit Forschung und Vermittlung dazu bei, das Bewusstsein für diese Verantwortung zu schärfen. Veranstaltungen wie Umwelt im Gespräch des ECH seien dabei ein wichtiges Format um, um Menschen zu erreichen und ins Nachdenken zu bringen.
Zwischen Klimamüdigkeit und neuem Narrativ
„Nicht zufällig haben wir die heutige Veranstaltung auf die Woche der 30. Weltklimakonferenz in Belém gelegt und ich glaube, selten hatten wir geringere Erwartungen an eine Klimakonferenz“, konstatierte Thilo Hofmann, Co-Leiter des Forschungsverbunds Umwelt und Klima, in seiner Begrüßung und nahm die gesellschaftliche Stimmung rund um den Klimaschutz in den Blick.
Während 2019 noch Aufbruchsstimmung herrschte, sei heute vielerorts Müdigkeit und Abwehr spürbar. Klimaschutz werde zunehmend als Zumutung empfunden, ökologische Modernisierung als Überforderung. „Menschen fürchten Kosten, Einschränkungen und Kontrollverlust“, so Hofmann. Gleichzeitig gebe es Fortschritte, die zuversichtlich stimmen könnten: Erneuerbare Energien seien in den letzten Jahren auf dem Vormarsch gewesen, neue politische Instrumente wie die CO₂-Grenzausgleichssteuer sollten 2026 in Kraft treten. „Doch immer weniger Menschen lassen sich mit diesen guten Nachrichten noch motivieren.“
Er plädierte daher für ein neues Narrativ in der Nachhaltigkeitskommunikation und zitierte Luisa Neubauer und Bruno Latour: „Solange man nur vom moralisch richtigen Leben und nicht auch vom schönen Leben spreche, hat man wenig Chancen.“ Die ökologische Erzählung müsse nicht nur als moralisch, sondern auch als attraktiv und lebenswert vermittelt werden, um Teilhabe, soziale Fairness und demokratische Legitimation zu stärken. In diesem Sinne lud Hofmann das Publikum ein, gemeinsam „abseits der bekannten Positionen“ zu diskutieren und Ideen für ein gutes, nachhaltiges Leben zu entwickeln.
Paradoxien der imperialen Lebensweise
„Die Weltzerstörer*innen haben Konjunktur, die Weltbewahrer*innen sind in der Defensive“, stellte Ulrich Brand, Politikwissenschaftler an der Universität Wien und Mitglied des Forschungsverbunds Umwelt und Klima zu Beginn seines Impulsvortrags fest: Die Macht des fossilen Kapitals sei ungebrochen, während die notwendige Reduktion der CO₂-Emissionen um 90 Prozent Ängste auslöse, die zudem gezielt geschürt würden.
Brand zeigte, wie tief die Widersprüche zwischen ökologischem Ideal und gesellschaftlicher Realität reichen. Nachhaltigkeit sei zwar längst ein Leitbild, doch die politischen und wirtschaftlichen Strukturen blieben weitgehend unverändert. Er spricht in diesem Zusammenhang von der „imperialen Lebensweise“, einem System, das den Wohlstand des globalen Nordens auf Ressourcenverbrauch und soziale Ungleichheit gründet. „Unser Wirtschaftssystem, unser Konsum, fußt auf billiger Arbeitskraft im globalen Süden“, so Brand. Viele wollten die „schmutzige Seite der Medaille“ nicht sehen, weder beim Lithium im Handy noch beim Futtermittel für das Schnitzel.
Anhand von sechs Paradoxien erläuterte Brand in seinem Vortrag, warum der ökologische Umbau ins Stocken gerät. „Fleisch und Fliegen gehören für viele zum guten Leben“, sagte er und stellte die Frage in den Raum, ob nachhaltiges Leben für Politik, Wirtschaft und Individuen überhaupt ein erstrebenswertes Ideal sei. Staaten formulierten zwar ehrgeizige Klimaziele, setzten in ihren Strukturen aber weiter auf fossiles Wachstum. Maßnahmen wie Elektromobilität oder grünes Wachstum führten nicht zum Ziel, so Brand weiter, solange die Machtverhältnisse hinter den fossilen Industrien unangetastet blieben. „Solange wir im Wachstumsmotor bleiben, haben wir ein Problem und kommen da nicht raus.“
Brand plädierte daher für ein Weiterdenken hin zu einem Transformationsstaat, der sich von der Wachstumsfixierung löst, sozial-ökologische Infrastrukturen stärkt und die Grundlagen eines klimafreundlichen Lebens schafft und „das nicht auf dem Rücken der Beschäftigten“. Wissenschaft und Hochschulen müssten dabei zu Motoren gesellschaftlicher Lernprozesse werden. „Wir wissen sehr viel über klimafreundliche Gesellschaften“, so Brand zum Abschluss, „jetzt geht es darum, dieses Wissen in politisches Handeln zu übersetzen und eine klimafreundliche Gesellschaft so zu gestalten, dass sie für Menschen attraktiv und glaubwürdig ist.“
Politikwissenschaftler Ulrich Brand über "Paradoxien der imperialen Lebensweise"
Zwischen Systemkritik und Pragmatismus
In der anschließenden Diskussion, moderiert von Marlene Nowotny (Ö1), trafen Perspektiven aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft aufeinander.
Angesichts der globalen Rückschritte im Klimaschutz sprach die ehemalige Klimaministerin Leonore Gewessler von einem „dramatischen Befund“. Sie betonte, dass individuelles Handeln zwar wichtig bleibe, aber strukturelle Veränderungen - wie von Ulrich Brand angesprochen - entscheidend seien: „Wir leben in den Widersprüchen eines Systems, in dem man kaum klimaneutral agieren kann, weil die Strukturen einfach nicht so gebaut sind. Das ist ein großer Auftrag an die Politik.“
Klimaschutz sei darüber hinaus zum Kulturkampfthema geworden, das von verschiedenen Seiten instrumentalisiert werde. Als Gegenmittel helfe da vor allem Mitbestimmung und Einmischung: „Wir brauchen viele, die sich davon nicht umblasen lassen, die weiterarbeiten, Bündnisse schmieden und den Angstnarrativen etwas entgegensetzen“, so die Klubobfrau der Grünen im Nationalrat.
Auf die Frage nach Wegen aus der Polarisierung und nach Strategien, wie man Menschen besser für Veränderungen gewinnen könne, zeigte sich Gewessler hoffnungsvoll, dass der Moment gesellschaftlicher Gegenwehr möglicherweise gerade ein Zeichen des Umbruchs sei: „Kurz vor dem Durchbruch gab es immer das Aufbäumen der Gegenseite - da sind wir mittendrin.“
Leonore Gewessler, Klubobfrau der Grünen im Nationalrat und ehemalige Klimaministerin auf dem Podium
Ulrich Brand verortete dieses Aufbäumen vor allem bei fossilen Unternehmen, die aus „knallharten Machtfragen“ heraus nicht bereit seien, ihr Geschäftsmodell infrage zu stellen. Daniela Knieling von respACT, einem Netzwerk, das Unternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit berät, berichtete, dass sich zunehmend auch „große Verursacher“ an sie wenden. „Sie merken, dass sie nicht klimafit, nicht resilient sind.“ Unternehmen bräuchten klare Rahmenbedingungen und Planungssicherheit, um zu investieren. Hier könne Aufklärung ansetzen und zeigen, dass sich nachhaltiges Wirtschaften langfristig lohne.
Nikolaus Hautsch, Vizerektor der Universität Wien, brachte die Perspektive der konkreten Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen in einer Institution ein. Die Universität wolle bis 2030 klimaneutral werden, eine Herkulesaufgabe, „bei einem Energiebedarf vergleichbar dem einer mittelgroßen Stadt“, aber nicht unmöglich, so Hautsch, wenn Veränderungen in der richtigen Geschwindigkeit eingeführt würden. „Zu viel Radikalität und Tempo sind nicht gut. Manchmal ist es sinnvoll, die Schraube schrittweise weiterzudrehen, um die Menschen mitzunehmen.“ Das Tempo sei der „Kernpunkt“, Vertrauen, Transparenz und Vorbilder seien darüber hinaus entscheidend, um Akzeptanz zu schaffen. Die Universität Wien wolle als größte Universität im deutschsprachigen Raum mit gutem Beispiel vorangehen – und könne auch als Blaupause für die Gesellschaft dienen, denn „wenn wir es schaffen, schafft es die Gesellschaft auch“, so das optimistisch stimmende Fazit des Vizerektors.
Kommunikation des Wandels
Fragen aus dem Publikum machten deutlich, dass auch die richtige Kommunikation als zentraler Erfolgsfaktor für den grünen Wandel gesehen wird. Ulrich Brand warnte vor der negativen Konnotation des Begriffs Verzicht: „Verzicht klingt, als würde einem etwas weggenommen, während ‚die da oben‘ so weitermachen. Wir sollten stattdessen fragen, was ein gutes Leben wirklich ausmacht – etwa gesunde Ernährung oder ein gerechtes Mobilitätssystem.“ Marlene Nowotny, Moderatorin des Abends und Wissenschaftsredakteurin bei Ö1, brachte selbstkritisch die Rolle der Medien ins Gespräch. In Zeiten, in denen seriös recherchierende Medien mit Social media Plattformen konkurrierten, die sich keinerlei Regeln unterwerfen, sei die Kommunikation von Klimathemen eine besondere Herausforderung, so Nowotny. Die Erfahrung der letzten Jahre habe gezeigt, dass der erhobene Zeigefinger und Verzichtsnarrative ausgedient haben – konstruktiver Journalismus, der die Chancen der Transformation und Verhaltensänderungen aufzeige, sei der neue Weg.
Daniela Knieling, von Haus aus Kommunikationswissenschaftlerin, plädierte ebenfalls für positive Narrative. Konzepte aus der Sozialpsychologie wie das Nudging, das sanfte Anstoßen zu nachhaltigem Verhalten, könnten darüber hinaus helfen, Menschen zu motivieren, ohne sie zu überfordern.
Ausblick: Zwischen Mut und Maß
Zum Abschluss zitierte Leonore Gewessler Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei den Erdgesprächen Anfang November: „Es braucht nur 3,5 Prozent der Menschen, die engagiert für eine Sache eintreten, um eine öffentliche Meinung zu bewegen. Und 25 Prozent, damit sich auch Verhalten in der Mehrheitsgesellschaft ändert.“ Das seien doch gute Nachrichten, so die Klubobfrau der Grünen.
Thilo Hofmann erinnerte noch einmal daran, dass Klimaschutz nicht allein auf den individuellen Lebensstil abgewälzt werden dürfe. „Mehr Falafel und Fahrradfahren statt Fleisch und Fliegen helfen dem Klima natürlich, aber entscheidend sind strukturelle Veränderungen.“ Was er aus dem Abend mitnehme, sei „die Leidenschaft für das Thema – und den Willen, nicht zu verzagen, weiter zu verhandeln und zu kämpfen.“
Der Abend zeigte, dass die bestehende Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit nicht passiv hingenommen werden muss, sondern als Raum für Innovation und gemeinsames Weiterdenken nutzbar ist. Nachhaltigkeit bleibt möglicherweise vorerst noch ein Paradoxon, doch es wurde klar: Veränderung ist möglich, wenn Mut, Engagement und Verantwortungsbewusstsein ineinandergreifen.
Während der Veranstaltung war das Nachhaltigkeitsbüro der Universität Wien mit einem Informationsstand in der Eingangshalle des Naturhistorischen Museums vertreten. Unsere Kolleginnen Flora Rainalter, Christine Ehrenhuber, and Nikola Čanigová nahmen sich Zeit, um interessierte Besucher*innen über ihre Arbeit im Rahmen des strategischen Schwerpunkts der Universität auf Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit zu informieren.